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Ressourcenkämpfe/Internationalismus

Hoch die ... Solidarität in Zeiten sich verschärfender Ressourcenkämpfe

Auch wenn es viele Beispiele gibt für eine gelungene globale Vernetzung sozialer Bewegungen, um den Internationalismus hierzulande ist es eher ruhig geworden. "Fast scheint es, als hätte die deutsche Linke internationale Solidarität verlernt", schreibt die AG Internationale Solidarität in der Einleitung der Zeitschrift arranca, die Ende 2012 mit dem treffenden Titel "re:re:fwd: Internationalismus" erschienen ist. Dabei gehörte internationale Solidarität bis Ende der 1980er Jahre zum Einmal-eins fast einer jeden linken Sozialisation. In den 50ern war es die Solidarität mit anti-kolonialen Kämpfen in Algerien, in den 60ern engagierte sich jede/r westdeutsche Linke gegen den Vietnamkrieg, ab den 70ern waren Lateinamerika-Solidarität und Anti-Apartheidsbewegung wichtige Bezugspunkte und 1988 wurden die Proteste gegen den Internationalen Währungsfond zu einem Höhepunkt der Internationalismus-Bewegung in der BRD. Doch viele internationalistische Gewissheiten sind danach ins Wanken geraten und vom Internationalismus blieb in den 1990er Jahren nicht viel übrig.


Der "Internationalismus" musste sich neu erfinden. Zu lang war die Liste der Fehler und Fallstricke des "alten" Internationalismus geworden: Identitätspolitik, Orientierung an "Volk" und "Nation", Überhöhung nationaler Befreiungsbewegungen auf Kosten gesellschaftlicher Emanzipationsprozesse, Heldenverehrung, Fetischisierung des bewaffneten Kampfs und "Flucht" vor sozialen Auseinandersetzungen im "globalen Norden". Mit dem Aufstand der Zapatist_innen 1994 begann sich ein anderer Ansatz von Internationalismus abzuzeichnen, der einer Einbahnstraßenpolitik internationaler Solidarität sowie ihrer identitären Bezugnahmen eine klare Absage erteilte. Neue transnationale Organisierungsformen entstanden, die zur Jahrtausendwende mit der globalisierungskritischen Bewegung eine neue Dynamik bekamen. Heute vernetzen sich Linke auf vielfältigen Ebenen in ihrem Kampf für eine "bessere" Welt jenseits von Ausbeutung und Unterdrückung und beziehen sich auf den "arabischen Frühling", die Proteste gegen das EU-Krisenregime oder den Kampf der Bewegungen im "globalen Süden" gegen Ressourcenraub und menschenunwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen in ihren Ländern. Was heißt internationale Solidarität heute in Zeiten sich verschärfender Ressourcenkämpfe und wie kann diese konkret aussehen?


"Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört", lautet der Karawane-Slogan, mit dem Flüchtlinge die Forderung nach globaler Bewegungsfreiheit in Bezug setzen zur Ressourcenausbeutung. Die internationale "Arbeitsteilung", der zufolge die einen günstig die Ressourcen liefern, die die anderen verarbeiten, um die Produkte teurer zu verkaufen, bestimmt bis heute das hierarchische Verhältnis, das den "globalen Norden" vom "Süden" trennt. Die Aufrechterhaltung neokolonialer Ausbeutungsstrukturen ist nach wie vor primäres Ziel westlicher Außenpolitik und der Zugang zu "billigen" Rohstoffen soll durch Kriege gesichert werden. Doch auch in den sog. wachstumsstarken Ländern des "Südens" haben sich Strukturen einer neuen internen und externen Kolonialisierung und Plünderung entwickelt, die zu vielfältigem Protest und Widerstand führen.


Konzerne und Regierungen konkurrieren um den Zugriff auf Rohstoffe, auf Wasser, auf Ackerland, auf Biodiversität, auf Standorte zur Energiegewinnung, auf die billigste Arbeitskraft. Die lokale Bevölkerung war und ist dabei niemals ein gleichberechtigter Handelspartner. Sie ist ein Hindernis, das im "besten" Fall der kostensparenden Ausbeutung der Ressourcen dienen kann, im schlechten Fall einfach im Weg ist. Dabei dienen die gewonnenen Ressourcen hegemonialen kapitalistischen Lebensmodellen, die  zerstörerische Wirkungen entfalten. Den Menschen des "globalen Südens" diese "imperialen Lebensweisen" als Entwicklungsmodell zu verkaufen, ist mittlerweile aus der Mode gekommen, ohne dass ein neues Versprechen an dessen Stelle getreten wäre.


Die Plünderung des Planeten für den auf unbegrenztem Wachstum basierenden Kapitalismus ist Gegenstand der Kritik von unterschiedlichsten sozialen Bewegungen weltweit. Mit der Idee des "Buen Vivir" wird in Südamerika ein Konzept formuliert und gelebt, das weltweit von immer mehr Menschen rezipiert wird. Mit der Vernetzung von Protesten gegen Land-Grabbing, gegen Frontex, gegen neoliberale Freihandelsabkommen, mit der Unterstützung von migrantischen Landarbeitergewerkschaften in Südspanien und der Karawane für Bewegungsfreiheit in Mali und Senegal werden Kämpfe und Themen verknüpft, wird eine Perspektive auf das eröffnet, was man hoffnungsvoll einen "Neuen Internationalismus" nennen könnte.


Auf dem BUKO wollen wir darauf einen Ausblick geben, indem wir die Frage nach den Möglich- und Unmöglichkeiten internationaler Solidarität anhand von Praxisbeispielen ganz konkret werden lassen und Organisierungserfahrungen zusammentragen und reflektieren: Mit wem sind wir wie vernetzt? Haben wir grundlegende Prinzipien für internationale Solidaritätsarbeit entwickelt, an denen wir uns orientieren? In welcher Weise unterstützen wir die politischen Ziele derjenigen, mit denen wir zusammenarbeiten? Wie gehen wir mit Konflikten und Hierarchien in der Zusammenarbeit aufgrund unterschiedlicher Erfahrungen, Lebensweisen und Ressourcenverteilung, etc. um? Was sind weitere Hürden bei transnationalen Projekten? Dies sind nur einige der Fragen, die wir gemeinsam diskutieren wollen.