AS Koloniale Kontinuitäten

Auf die Frage, warum es einen Arbeitsschwerpunkt Koloniale Kontinuitäten in der BUKO braucht, gibt es zwei Antworten.

Die erste lautet: weil trotz der Unabhängigkeit der meisten Kolonien die im Kolonialismus etablierten Macht- und Ausbeutungsverhältnisse immer noch fortbestehen. Zwar gibt es im letzten Jahrzehnt eine zunehmende Aufmerksamkeit für Kolonialismus in der deutschen Öffentlichkeit, die sich bemerkbar macht in der Anerkennung des Genozids an den Herero und Nama, in der Umbenennung der M-Straße in Berlin in Wilhelm-Amo-Straße oder im Bekenntnis zu einer postkolonialen Entwicklungspolitik durch die Bundesregierung. Und selbst solche wenigen Fortschritte sorgen für Aufruhr: So beklagt beispielsweise die Konrad-Adenauer-Stiftung (2025) einen “Angriff auf den Westen” durch die postkoloniale Theorie, weil diese – angeblich irrigerweise – die Existenz von kolonialen Kontinuitäten behauptet und von andauernder Ausbeutung des globalen Südens spricht.

Aber die Ausbeutung von Rohstoffen und Arbeitskraft im globalen Kapitalismus geht tatsächlich unvermindert weiter, heutzutage ganz legal und (meistens) ohne Herrenmenschenattitüde. Eine wissenschaftliche Studie hat errechnet, dass im Jahr 2021 über ungleichen Tausch Arbeitskraft im globalen Süden in Höhe von 16,9 Billionen, also 16.900.000.000.000 US-Dollar angeeignet worden ist – einfach dadurch, dass dortige Arbeitskräfte bei gleicher Qualifikation 87-95 Prozent schlechter bezahlt werden als im Norden (Hickel et al. 2024). Das passiert, wenn Löhne dem Markt überlassen und Machtverhältnisse ausgeblendet werden. Dazu kommen in der schönen neuen Welt des Neokolonialismus Jahr für Jahr Finanzflüsse aus dem Süden in den Norden die 15 mal so hoch sind wie die angebliche Entwicklungshilfe in den Süden. Grund dafür sind u.a. Schuldendienst sowie Gewinnrückführung und manipulierte Verrechnungspreise multinationaler Konzerne. Und dabei reden wir noch nicht über Reparationen für Klimaschäden und v.a. für jahrhundertelange Ausplünderung und den transatlantischen Sklavenhandel, die unseren heutigen Wohlstand erst ermöglicht haben (Williams 2022, Pomeranz 2021, French 2024). Allein das aus Lateinamerika von Europa bis 1800 gestohlene Silber würde bei durchschnittlichen Zinssätzen heute bei weitem das Weltinlandsprodukt eines Jahres übersteigen (2017: 71). Der Norden schuldet dem Süden eine ganze Welt.

 

Die zweite Antwort ist: weil wir die Kritik an Kolonialismus und Neokolonialismus in eine intersektionale Herrschaftskritik einbetten wollen. Antikolonialismus muss sich genauso gegen Kapitalismus, gegen das Patriarchat, gegen staatliche Herrschaft sowie gegen Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zu bestimmten religiösen, nationalen oder ethnischen Gruppen richten. Im Internationalismus galt schon immer der Grundsatz, dass der Kampf um Befreiung nicht an Grenzen Halt machen darf – daher ist ein antikolonialer Nationalismus keine Lösung. Der Antiimperialismus der Hamas oder der Hindunationalisten ist nicht unserer, auch nicht der von Diktatoren, selbst dann nicht, wenn sie sich als Befreiungskämpfer verstehen. Dekolonisierung darf kein neuer Hauptwiderspruch werden, sondern muss intersektional sein.

 

“Decolonize the world” – Darunter machen wir’s nicht!

 

Kontakt: askolonialekontinuitaeten@buko.info