Angriffe auf zapatistische Gebiete

31.10.26, Mexiko

Auf den wiedergewonnenen Territorien in der Region Selva Norte in Chiapas gibt es Angriffe auf die zapatistischen Strukturen. Wir dokumentieren die Übersetzung der Erklärung des Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de Las Casas (Frayba) aus Mexiko.

Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de Las Casas (Frayba)

Wir fordern den sofortigen Stopp der Schikanen gegen zapatistische Territorien. 

Der mexikanische Staat trägt die Verantwortung, eine Konfrontation zu verhüten.

San Cristóbal de Las Casas, Chiapas, Mexiko.

31. Oktober 2026.

Frayba-Bulletin Nr. 18.

Die Untätigkeit des mexikanischen Staates, angesichts der Aggressionen gegen zapatistische Territorien, verstärkt die Gefahr einer Gewalt-Eskalation in Chiapas.

Als Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de Las Casas (Frayba) dokumentieren wir und prangern wir öffentlich die schwere Gefahren-Situation an, mit der Gemeinden und Familien der Unterstützungsbasen der EZLN (BAEZLN) auf den wiedergewonnenen Territorien in der Region Selva Norte in Chiapas konfrontiert sind. Diese Geschehnisse finden im Kontext des voranschreitenden Baus der Autobahn oder Super-Schnellstraße San Cristóbal de Las Casas– Palenque (offiziell bekannt als »Route der Maya-Kulturen«) statt, sowie im Kontext der fortwährenden Angriffe, welche bereits die Vollversammlung der Kollektive der zapatistischen autonomen Regierungen (ACGAZ) öffentlich bekannt gemacht haben. Diese Angriffe schaffen eine direkte Bedrohung der Unversehrtheit der Gemeinden/ Gemeinschaften, ihres Territoriums und der Ausübung ihrer Autonomie.

Das Andauern dieser Aktionen, trotz wiederholter Denuncias und ausgesprochener Warnungen durch die Gemeinden und durch das Frayba, erhöhen das Risiko einer eskalierenden Gewalt. Deren Konsequenzen liegen in der Verantwortlichkeit der drei Regierungsebenen [Landkreis, Bundesstaat,   Staat]. Sie haben weiterhin ungenügend gehandelt, um die Respektierung der kollektiven Rechte der indigenen Pueblos zu garantieren und eine eskalierende Konfliktivität innerhalb dieser Region zu verhüten.

Die ACGAZ hat bei mindestens drei Gelegenheiten gewarnt, die gemachten Eingriffe in wiedergewonnenes Land würden eine direkte Provokation gegen die Autonomie der zapatistischen Pueblos bedeuten. Die letzten Denuncias schildern ein erneutes Eindringen (mittels Rinder) auf wiedergewonnenes Land, sowie das Vordringen von Baumaschinen (im Zusammenhang des Autobahnbaus) auf Ländereien, wo Familien der zapatistischen Unterstützungsbasen leben.

»Es ist das dritte Mal, dass wir ihnen bekanntgeben, es ist eine Provokation. Wenn sie eine Krise haben möchten, werden wir ihnen eine bereiten. Es ist das dritte Mal, dass wir ihnen Bescheid geben […] Das Problem ist die Autobahn San Cristóbal–Palenque […] Sie sind vorangekommen, sie haben Leute angetroffen, die sich verkaufen, sowohl Autoritäten/ Verantwortliche wie auch [Land-]Eigner. Dort wo sie jetzt angekommen sind, das ist wiedergewonnenes Land, und das wissen sie, denn dort ist das alte Schild, wo Rat [der Guten Regierung] drauf stand, und wo sich jetzt das neue Schild befindet. Sie wissen, es ist wiedergewonnenes Land, und sie wissen, von wem es ist. Sie sind am Provozieren, denn sie möchten hier durch. Sie sagen, da es in Mexiko keine Krise gibt, möchten sie Provokation machen, denn sie wissen, es ist wiedergewonnenes Land, und niemals haben sie gesprochen, sie haben das alte wie das neue Schild umgehauen, und es sind zwei Ranchos, das wissen sie bereits […]

Möglicherweise wurde ihnen gesagt, dass wir nach Mexiko-Stadt gehen, aber wir gehen nicht einfach anti-regierungsmäßig, wie ihnen gesagt wurde, sondern um die Mütter Sucherinnen zu sehen. Wie sie es gerade jedoch machen: Wenn sie es so wollen, na dann los, so stehen die Dinge, denn wir kündigen sie vorher an. […]Wie wir es zu anderen Gelegenheiten gemacht haben, das sollten sie gut bedenken, beispielsweise. Es ist eine klare Provokation. Sie dringen ein, sowohl bundesstaatlich, auf Landkreisebene, wie als Eigentümer. Es bedeutet eine klare Provokation, denn sie werden Land auf 300 Meter Länge und 80 Meter Breite zerstören, wie auch auf einem weiteren Landstück, und das ist nicht, weil es kein anderes Land gibt für die Kehre der Autobahn-Trasse. Das gibt es, jedoch wollen sie provozieren und die Umsetzung der Reise für das Leben nach Mexiko-Stadt verhindern und dann sagen zu können: Es gibt keine Krise [in Mexiko]. Diese Angriffe jedoch werden die Initiative, sich mit den Familien der Verschwundengemachten zu treffen, nicht aufhalten. Es ist ihnen angekündigt worden. Es ist ihnen angekündigt und gesagt worden: Wenn sie Krise haben wollen, dann können sie sie haben.

Auch ist da noch das mit dem Vieh, dem Mais-Bohnenfeld, das, was ihre Komplizen tun werden. Wir möchten, dass sie es wissen: Es ist eine klare Provokation. Sie wollen nicht, dass wir [nach Mexiko-Stadt] gehen … Wir werden jedoch gehen, weil wir gehen werden. Wir werden uns nicht aufhalten lassen.«

Ebenso kommunizieren sie uns:

»Gestern, 30. Oktober 2026, hat erneut Audoamaro Oropeza Camacho weitere 70 Rinder auf die Weide der Compas getrieben. Sie liegt auf dem Landstück am Kilometerstein 2, früher Valencia genannt (offizieller Landkreis Ocosingo). Wie auch auf das Landstück Linda Vista (offizieller Landkreis Salto de Agua), wiedergewonnenes Land der EZLN, wo eine Familie der zapatistischen Unterstützungsbasen lebt. Sehr nahe an diesem Stück wiedergewonnenes Land gehen die Arbeiten des Straßenbauprojekts San Cristóbal–Palenque voran und auf der anderen Seite sind die Baumaschinen aufgestellt, um mit den Arbeiten weiter voranzuschreiten.«

Dieses Geschehen ist Teil des Kontextes der Angriffe, Drohungen, Schikanen und Enteignungsversuche, die historische Rechte verletzen, welche durch die indigenen Pueblos mittels Organisierungsprozesse der Autonomie geschaffen wurden. Besonders besorgniserregend ist, dass diese Aktionen erfolgen, trotz der vorherigen Kenntnis der Bundes-, Bundesstaats- und Landkreisverantwortlichen über die betroffenen Territorien [als wiedergewonnenes Land] und dem Wissen um die Konsequenzen, die ein weiteres Andauern dieser Eingriffe mit sich bringen können.

Der mexikanische Staat hat die Verpflichtung, die physische und kollektive Unversehrtheit der indigenen Gemeinschaften zu garantieren, das Recht auf freie Selbstbestimmung zu respektieren, sowie sich dessen zu enthalten, Aktionen zu fördern, zu tolerieren oder zu erlauben, welche den sozialen Frieden in Gefahr bringen. In diesem Sinne ist es zutiefst besorgniserregend, dass die Ausführung von Infrastrukturprojekten in Territorien, bei denen bereits dokumentierte Denuncias über Auswirkungen vorliegen, weiterhin voranschreitet, ohne dass wirkliche Bedingungen für die Respektierung und den Schutz kollektiver Rechte geschaffen wurden.

Die historische Erfahrung Chiapas zeigt, dass eine Politik der territorialen Einnahme, der verdeckten Militarisierung, der Spaltung der Gemeinden und der Schürung interner Konflikte zu schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen geführt haben. Daher ist das Weiterfortführen der Aktionen alarmierend, welche die zapatistischen Gemeinden als Provokationen identifizieren und die zu vermeidbaren Konfrontationsszenarien führen können.

Als Frayba betrachten wir es unerlässlich, dass die Regierung von Präsidentin Claudia Sheinbaum Pardo und die Bundesstaatenregierung unter Gouverneur Eduardo Ramírez Aguilar unverzüglich handeln, um jegliche Aktionen zu unterbinden, die das Risiko von Gewalt erhöhen, sowie die uneingeschränkte Respektierung der zurückgewonnenen Territorien und der Autonomie der zapatistischen Pueblos zu garantieren. Das Ignorieren der von den Gemeinden gesandten Warnungen verschärft nicht nur den Konflikt, sondern macht den mexikanischen Staat politisch und rechtlich für alle Folgen verantwortlich, die sich aus dieser Situation ergeben können.

Frieden wird nicht durch aufgezwungene Projekte oder Aktionen, die die Autonomie der Pueblos verletzen, geschaffen. Frieden kann nur geschaffen werden durch die Respektierung der freien Selbstbestimmung, durch Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und der vollen Anerkennung der kollektiven Rechte.

Wir fordern:

* Die sofortige Einstellung von Angriffen, Drohungen, Schikanen und einschüchternden Aktionen gegen die zapatistischen Unterstützungsbasen.

* Das Suspendieren jeglichen Eingriffs – bezüglich des Autobahnprojekts San Cristóbal–Palenque – welcher wiedergewonnene Territorien der EZLN trifft.

* Die Verabschiedung wirksamer Maßnahmen zur Gewährleistung der physischen, territorialen und kollektiven Unversehrtheit der Gemeinschaften.

* Eine gründliche Untersuchung der Denuncias, im Zusammenhang mit dem Eindringen auf zurückgewonnene Ländereien sowie der dokumentierten Angriffe.

* Uneingeschränkte Respektierung der Autonomie, der freien Selbstbestimmung und Organisation der indigener Pueblos.

Angesichts der Warnung der zapatistischen Gemeinden besteht die Verantwortung des Staates darin, zu verhüten und nicht zu provozieren. Die Gemeinden, die Teil der ACGAZ sind, haben angemessen vor den bestehenden Gefahren gewarnt. Die Geschehnisse sind dokumentiert und wiederholt kommuniziert worden. Folglich kann jegliche Eskalation von Gewalt, die aus der Fortführung dieser Aktionen hervorgeht, nicht als ein unerwartetes Ereignis verstanden werden. Die Autoritäten und Verantwortlichen wurden informiert.

Der mexikanische Staat hat noch Zeit zu handeln, um eine neue Gewaltspirale in Chiapas zu verhindern. Untätigkeit bedeutet, bewusst die Warnungen der Pueblos zu ignorieren und die menschlichen Kosten einer Konfrontation auf sich zu nehmen, welche vermieden werden kann und muss. 

Wir rufen die mexikoweite und internationale Zivilgesellschaft auf, wachsam zu sein und sich den Protesten anzuschließen, die ein Ende der Schikanen und Angriffe fordern, welche gegen die Comunidades im zapatistischen Gebiet begangen werden.

Links:

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[1] Quelle: https://frayba.org.mx/261031_boletin18

[2] https://radiozapatista.org/?p=56608

[3] Angehängtes Video:  

https://archive.org/details/261031-video

 

Versión original:

https://frayba.org.mx/261031_boletin18