Letzte Aktualisierung: 30.05.2020

"Postkoloniale Perspektiven auf Protest und Reform in der Globalen Politischen Ökonomie"

15.-17.09.2020, Zierenberg/Kassel

Die Nachwuchsforscher*innengruppe "Protest und Reform in der Globalen Politischen Ökonomie aus Perspektive einer Postkolonialen Politikwissenschaft" veranstaltet an der Uni Kassel einen Workshop zum gleichnamigen Thema.

30 Jahre Globalisierungskritik und -forschung…

Seit den weltweiten Protesten in den 1990er Jahren gegen die fatalen Auswirkungen einer neoliberalen Globalisierung, stehen die Politiken von Internationalen Organisationen wie Weltbank, Internationalem Währungsfonds (IWF) und Welthandelsorganisation (WTO) deutlich mehr unter Beobachtung als vorher – von Aktivist*innen wie von Forscher*innen. Sozialwissenschaftliche Arbeiten haben seitdem die globalen Proteste sowie die einsetzenden Reformprozesse in den Internationalen Organisationen genauer unter die Lupe genommen, in Teilen auch durchaus (herrschafts-)kritisch.

…und eine postkoloniale Leerstelle

Jedoch fehlt es bisher weitgehend an einer explizit postkolonialen Perspektive auf die umkämpfte Globale Politische Ökonomie und ihre Institutionen. Und dass, obwohl postkoloniale Studien in den letzten Jahrzehnten immer mehr rezipiert und diskutiert wurden. Postkoloniale Studien eint ihr Fokus auf koloniale Kontinuitäten und damit die Frage, wie sich Nord-Süd-Asymmetrien materiell, institutionell, epistemisch und diskursiv fortschreiben. Internationalen Organisationen kommt in diesen Asymmetrien eine zentrale Rolle zu. Postkoloniale Konzepte wie „Othering“, subalterne Repräsentation und Hybridität können eine andere, (selbst)kritische Perspektive auf globalen Protest, Reformprozesse und die Rolle von Weltbank, IWF, WTO und co. eröffnen. Gleichzeitig ist die mangelhafte systematische Betrachtung sowohl institutioneller als auch polit-ökonomischer Kontexte bisher oft die Achillesferse postkolonialer Studien gewesen.

Politik(-forschung) postkolonial?

Dieses „komplementäre Defizit“ (Ziai 2012) von Politikwissenschaft und postkolonialen Studien nehmen wir als Ausgangspunkt, um zum einen die Möglichkeiten und Grenzen einer postkolonialen Protest- und Reformforschung zu konkretisieren und zum anderen deren politische Relevanz zu diskutieren. Denn gerade vor dem Hintergrund der aktuell erstarkenden Bewegung für globale Klimagerechtigkeit werden postkoloniale Fragen wieder mit neuer Vehemenz gestellt, wie beispielsweise in der Kampagne "Decoalonize!".

Wir freuen uns daher über Beiträge in vielfältigen, gerne auch kreativen Formaten u.a zu folgenden Themen:

a) Das umkämpfte Verhältnis von globalem Protest und Reform

● Welcher Protest (Protestform, Ort, Strategie etc.) führte zu institutionellen Reformen und welcher
nicht? Warum?
● Wessen Forderungen wurden mit den Reformen wie beantwortet und welche nicht? Welche Rolle spielten darin Nord-Süd- und Gender-Fragen?
● Wie haben die Reformen auf die globale Protestbewegung zurückgewirkt?
● Sind substantielle Reformen der Institutionen der Globalen Politischen Ökonomie überhaupt möglich – falls ja wie würden sie (aus postkolonialer Perspektive) aussehen?

b) (Subalterne) Repräsentation in globalen Protesten und Reformen

● Wie “global” oder auch “weiß” war die Protestbewegung der 1990er Jahre?
● Welche Rolle spielten koloniale/rassistische Stereotype in den Protesten und (wie) wurden sie reflektiert?
● Welche Rolle spielen koloniale/rassistische Stereotype in den Reform-Antworten der Internationalen Organisationen?
● Was bedeutet das für aktuelle politische Kämpfe?

c) Silencing, Aneignung, Kooptation in den Reformen der Globalen Politischen Ökonomie

● Welche Rolle kommt Subalternen und ihrem Wissen in den Institutionen der Globalen Politischen Ökonomie zu – und was hat sich daran durch die Proteste und Reformen der 1990er verändert?
● Mit welchen Konzepten kann der hegemoniale Zugriff auf Subalterne und ihr Wissen kritisch verstanden werden (z.B. Silencing, An-/Enteignung, Ko-optation, Kommodifizierung, Ent-Politisierung oder epistemische Gewalt)?
● Welche Rolle spielen (Sozial)Wissenschaftler*innen in den institutionellen Reformprozessen, z.B. in Bezug auf Subalterne/soziale Bewegungen und ihr Wissen?
● Können institutionelle Reformen auch „von unten“ angeeignet werden? Wenn ja, wie und von wem?

d) Koloniale Kontinuitäten der Globalen Politischen Ökonomie und ihren Institutionen

● Welches koloniale/imperiale Erbe zeichnet die Strukturen und Institutionen der Globalen Politischen Ökonomie aus?
● Was heißt das für die institutionellen Reformen?
● To what extent do colonial power relations refigure in current debt crises?

e) Möglichkeiten und Hindernisse einer postkolonialen Politikforschung

● Wie kann eine postkoloniale Politikforschung auf Bewegungswissen bauen – ohne es einseitig anzueignen?
● Muss eine postkoloniale Politikforschung das „Privileg des letzten Worts“ (Charter for Decolonial Research Ethics) abgeben?
● Postkoloniale Politikforschung für wen und mit wem? Was ist das politische Ziel?
● Welche theoretischen und methodologischen Möglichkeiten und Hindernisse stellen sich einer postkolonialen Politikforschung?
● Wie wird eine postkoloniale Politikforschung relevant(er)?

 

Beitragsformen:

Bitte schickt bis zum 15. April 2020 Eure Beitragsideen auf maximal einer Seite. Präsentiert werden können neben Artikeln auch Kurzbeiträge, Poster, Comics, Gedichte, Essays, Videos, Performances etc. Bei Euren Beiträgen kann es sich um Ideen, Ansätze, Berichte aus aktuellen Forschungen bzw. eurer
Praxis handeln sowie um fortgeschrittene und abgeschlossene Beiträge bzw. Forschungsprojekte. Bitte berücksichtigt, dass der Workshop darauf basiert, dass ihr über den gesamten Zeitraum des Workshops teilnehmt, um den gegenseitigen Austausch so produktiv wie möglich zu gestalten.

Zeitplan:

Einreichung der Abstracts/Skizzen bis 15. April 2020

Zu-/Absage bis 8. Mai 2020

Verbindliche Anmeldung bis 10 Juni 2020

Workshop: 15. - 17 September 2020

Ort: Ziel ist es, intensiv in Austausch zu treten und für kreativen Gedanken Raum zu schaffen. Deshalb findet der Workshop in Zierenberg (bei Kassel) im Tagungshaus Lebensbogen statt. Die Adresse ist: Auf dem Dörnberg 13, 34289 Zierenberg:

https://www.tagungshaus-lebensbogen.de/tagungshaus/uebernachten

Kinderbetreuung: Wir bemühen uns um Kinderbetreuung vor Ort. Wenn ihr eure Kinder mitbringen
möchtet, gebt dies bitte möglichst früh an - spätestens bei der Anmeldung.

Sprache: Die Arbeitssprache des Workshops richtet sich nach den Teilnehmer*innen, Abstracts können
auf Deutsch oder auf Englisch eingereicht werden.

Kontakt: Die Nachwuchsforscher*innengruppe "Protest und Reform in der Globalen Politischen Ökonomie aus Perspektive einer Postkolonialen Politikwissenschaft" ist erreichbar unter:
protestreform@mailbox.org

https://www.uni-kassel.de/fb05/de/fachgruppen/politikwissenschaft/entwicklungspolitik-und-postkoloniale-studien/nachwuchsgruppe-protest-und-reform-in-der-gpoe/workshop.html