radikal global
Bausteine für eine internationalistische Linke



Rezensionen


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Nichts genaues weiß man nicht
BUKO präsentiert Standortbestimmung der internationalistischen Linken

Globalisierungskritik, Krieg, Antisemitismus - Die Internationalismus-Szene von heute diskutiert neu und anders als noch vor zehn Jahren. Ein neues BUKO-Buch präsentiert eine Momentaufnahme nach dem Irak-Krieg. Eine Rezension

Die Bundeskoordination Internationalismus (BUKO, vormals Bundeskongress entwicklungspolitischer Aktionsgruppen) ist in der linken Szene nicht irgendwer. Die hier geführten Debatten repräsentierten über Jahre hinweg nicht nur den Stand internationalistischer Diskussion und Politik, die/der BUKO war darüber hinaus in Deutschland auch immer ein Seismograph für den Stand der unabhängigen linken Bewegungen im allgemeinen. Bücher und Textsammlungen, die im Namen des BUKO herausgegeben werden, sind somit auch immer eine sowohl authentische wie repräsentative Zustandsbeschreibung dieses linken Spektrums. Das neue "BUKO-Buch" "Radikal Global. Bausteine für eine internationalistische Linke" macht da keine Ausnahme, auch wenn das, was einem da (zurück-)gespiegelt wird, einen eher durchwachsenen Eindruck hinterläßt.

"Radikal global" ist ein Sammelband mit unterschiedlichen Themenblöcken, zur Globalisierungskritik und globalen sozialen Bewegungen, zum Thema Krieg, zu Antirassismus und Migration, zur Debatte um "Imperialismus" vs. "Empire" sowie abschließend zum Thema Israel und Palästina. Die HerausgeberInnen haben sich bemüht, Debatten abzubilden, ohne in Beliebigkeit zu verfallen. Das ist ihnen gelungen. "Radikal Global" bezieht bei aller inneren Ausdifferenziertheit eine entschieden antimilitaristische Position und ist somit ein klarer Kontrapunkt gegen Strömungen eines linken Bellizismus. Das Buch bezieht sich auch grundsätzlich positiv auf die real existierenden globalen sozialen Bewegungen. In dieser kritischen Solidarität hebt es sich deutlich ab von Tendenzen, sich aus sozialen Auseinandersetzungen zu verabschieden und "Bewegungslinke" eher zu denunzieren.

Ausgangspunkt ist eine Email-Diskussion um den Aufstand in Chiapas 1994. Ein programmatischer Einstieg, markiert er doch den Übergang von einer "sandinistischen" zu einer "zapatistischen" Linken. Damit ist eine lange Phase der deutschen Internationalismusbewegung als (Länder-)Soli-Bewegung beendet worden, die Themenvielfalt der BUKOs und nicht zuletzt auch dieses Buches belegen das. Das fällt nicht zufällig zusammen mit der konzeptionellen Neuorientierung an poststrukturalistischen Theorien, eine Orientierung, die in "Radikal Global" an verschiedenen Stellen aufscheint. Damit werden allerdings nicht nur neue Zugänge und Sichtweisen eröffnet. Diese Neuorientierung birgt auch die Gefahr, Politik und Intervention auf Diskursanalyse und diskursive Praktiken zu reduzieren. Die entsprechende Auseinandersetzung zwischen Dario Azzellini und Anne Huffschmid innerhalb de Zapatismus-Debatte benennt in polarisierter Form einen allgemeinen Konflikt nicht nur innerhalb internationalistischer Gruppen.

Mit der "zapatistischen Wende" sind viele der alten Utopien, Analysen, Befreiungsvorstellungen, Politikkonzepte, die im Triumph und dem Niedergang der Sandinisten von 1979 bis 1989 ihren letzten Ausdruck gefunden hatten, auf den Müllhaufen der Geschichte gewandert - oft genug zurecht. Problematisch wird es dort, wo die Entwicklung von Diskussionen und politischen Erfahrungen nicht mehr vermittelt wird, wo Geschichtslosigkeit und verkürzte Geschichtsrezeption ein unheiliges Bündnis eingehen, wo in oft schlechter Pauschalisierung "die Linke" auf eine arg verzerrte Art und Weise über einen Kamm geschoren wird . "Radikal Global" ist nicht frei von solchen historischen Ausblendungen und Einseitigkeiten. Bei so manchen Verweisen auf frühere Phasen linker Politik beschleicht einen durchaus das Gefühl, damals auf den falschen Veranstaltungen gewesen zu sein.

Die besten Texte in diesem Buch sind die "Teilbereichstexte", diejenigen, die sich sehr konkret mit spezifischen Problemen internationalistischer Intervention beschäftigten, etwa Christoph Görgs Versuch, die Frage der Naturverhältnisse aus der ökologischen Verengung und ideologischen Überhöhung als "Gattungsfrage" herauszulösen und sie als Teil der weltweiten sozialen Auseinandersetzungen neu zu verorten. Ein Highlight stellt in diesem Zusammenhang der Themenkomplex Antirassismus und Migration dar: Martin Rapps (selbstkritischer) Beitrag über Geschichte, Entwicklung und Perspektiven von "Kein Mensch ist illegal", das Statement von Manuela Bojadzijev, Serhat Karakayali und Vassilis Tsianos zur geplanten Legalisierungkampagne von Kanak Atak (inklusive des kritischen Blicks auf die "weiße" deutsche Szene der FlüchtlingsunterstützerInnen) sowie die sehr genaue, an Foucaults Begriff der Gouvernementalität orientierte Untersuchung von Regina Brunett und Stefanie Gräfe zu den neuen Anti-Terror-Gesetzen.

Diese und einige andere Beiträge können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Buch das Versprechen seines Untertitels, "Bausteine für eine internationalistische Linke" bereit zu stellen, nur sehr bedingt einlösen kann. Die Textauswahl läßt vor allem dort zu wünschen übrig, wo es um allgemeinere Fragestellungen, um umfassendere Konzepte und grundsätzlichere strategische und theoretische Auseinandersetzungen und Sichtweisen geht. Weniges haut einen da vom Hocker, wirklich spannende neue Gedanken oder auch kluge Verteidigungen alter, aber deswegen nicht veralteter Ansätze werden einem da nicht geboten, manches ist sogar außerordentlich schwach (etwa Bernhardt Schmids verunglückter Rettungsversuch des Imperialismus-Begriffs oder Claudia Bernhards agitatorische Verteidigung eines "wirklichem Feminismus").

Auch "Radikal global" bestätigt, dass es heutzutage offenbar kaum noch jemanden gibt, der oder die in der Lage ist, strategische Einschätzungen und Vorschläge zu formulieren, die nicht platt, unangemessen vereinfacht oder schlicht altbacken und langweilig sind. Wie sehr gegenüber ambitionierten "großen Würfen" Vorsicht und Skepsis angebracht sind, zeigt der Beitrag von Thomas Seibert. Sein Parforce-Ritt durch die Geschichte der globalisierungskritischen Bewegung(en) im allgemeinen und "der" deutschen Linken im besonderen ist nicht "furios" (wie Theo Bruns in seiner Einleitung schreibt), sondern in seinen Verkürzungen und Ausblendungen ärgerlich: Die Geschichte der Nach-68er-Linken bietet mehr als Grüne und Autonome. Und wenn an anderer Stelle (post-)operaistisch soziale Auseinandersetzungen als gesellschaftliche Triebfedern ausgemacht werden, dann ist auch die BRD-Geschichte nicht nur als Abfolge von Kapitalstrategien und Volksgemeinschaftskontinuität zu erzählen. Die politische Essenz des Textes, das Bekenntnis zu einem neuen linken Avantgardismus gegenüber den sozialen Bewegungen, ist mindestens bedenklich, wenn nicht tatsächlich das Liebäugeln mit leninistischen Avantgardekonzepten.

Die besondere Qualität der BUKO und ihrer Kongresse ist eine Diskussionskultur, in der Auseinandersetzungen, auch scharfe Kontroversen, in einem Klima des gegenseitigen Respekts und einer grundsätzlichen linken Solidarität ausgetragen werden. "Radikal Global" fängt diese Diskussionskultur im wesentlichen ein. Lediglich Jörg Späters Beitrag zur Rezeptionsgeschichte des Nahost-Konfliktes in der deutschen Linken verbindet in Inhalt und Ton die Vereinfachung mit der Denunziation. Für Später gibt es nur zwei Lager: (antisemitische) "AntiimperialistInnen" und "Antinationale/Antideutsche". Das Lager des Antisemitismus umfasst dabei die klassischen "Antiimps" genauso wie die sozialrevolutionären VerteterInnen eines "Neuen Antiimperialismus"/Internationalismus oder TheoretikerInnen aus dem Umfeld des Postkolonialismus, einfach alles, was nicht antinational denkt. Und wo das antinationale Lager "undogmatisch" sei und sich um differenzierte Analyse bemühe, lehne der "postmoderne Antiimperialismus" differenzierte Analysen als "Soziologengequatsche" ab. In dieser Art der Auseinandersetzung ist dieser Text ein Ausreißer. Es bleibt sehr zu hoffen, dass das auch im Rahmen der allgemeinen Diskussionskultur innerhalb der BUKO gilt. dk

aus: ak 475, 15. August 2003

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Die aus dem Bundeskongress entwicklungspolitischer Gruppen hervorgegangene "BUKO = Bundeskoordination Internationalismus" unterrichtet in diesem Buch sehr spannend, welche Themen, kontroversen Debatten und Perspektiven derzeit erörtert werden bei den Linken - u.a. bei Attac und den alten und neuen GlobalisierungskritikerInnen, sowieso: links von etablierteren NGOs. Die Herausgeber Theo Bruns, Josef "Moe" Hierlmeier, Alexander Schudy und Markus Wissen versammeln Beiträge zu den großen Themen: "Globale soziale Bewegungen", "Krieg und Frieden in der neuen Weltordnung", "Antirassismus - Migration - Sicherheitsgesetze", "Imperialismus oder Empire?", "Israel, Palästina und die deutsche Linke". In Fortschreibung der Internationalismus-Theorien der letzten Jahrzehnte plädieren sie dafür, die strukturellen Herrschaftsverhältnisse auf das Alltagshandeln zu beziehen und durch produktive Unruhe von unten zu attackieren. Nicht im Appellieren an die Herrschenden, nicht in Eingaben, "Petitionen" am Hofe der Mächtigen, nicht in Politikberatung liegt die Aufgabe des Internationalismus. Der Sammelband hat eine gemeinsame Botschaft: "Radikal global" denken und handeln, dabei auch die - eigenen - alltäglichen Lebensverhältnisse solidarisch gestalten, eine Art neue und permanente APO mit immer neuer emanzipatorischer Bewegungs-Unruhe, zu der sich die Herrschenden aller Couleur verhalten müssen. So besteht die Chance - nicht nur nach Meinung der vier Herausgeber, sondern auch des Rezensenten -, die immer neuen und alten Wege zu Katastrophen wenigstens wieder und wieder zu unterbrechen. Hartmut Dreier

aus: Amos 3/2003

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Seit Jahren bemüht sich die Bundeskoordination Internationalismus (BUKO -früher Bundeskongress entwicklungspolitischer Aktionsgruppen) die verschiedenen Debatten in der Soliszene und darüber hinaus in großen Teilen der (radikalen) Linken für sich selbst produktiv und für interessierte LeserInnen nachvollziehbar zu machen. 1992, 1994 und 1997 erschienen jeweils Sammelbände. Nun liegt eine weitere Publikation mit knapp zwanzig Texten vor. Auf den ersten Blick scheint die Vielfalt der Themenblöcke und Einzelfragen verwirrend. Da geht es um den Zapatismus und seine Bedeutung für die Bewegung in den Metropolen, um Globalisierungskritik oder globale soziale Bewegung, Krieg und Frieden in der neuen Weltordnung, Antirassismus - Migration - Sicherheitsgesetze, Imperialismus oder Empire und Israel, Palästina und die deutsche Linke. Tatsächlich handelt es sich um sehr unterschiedliche Aspekte einer Wirklichkeit, die sich als solche nicht einheitlich präsentiert.

Nicht nur sind die Zeiten vorbei, als die Weltlage übersichtlich und geordnet erschien: Da gab es zwei feindliche Blöcke, je nach eigenem Standpunkt waren die einen oder die anderen die Guten und um die Zuneigung des Restes wurde konkurriert. Die BUKO vertritt auch explizit einen Standpunkt, der auf ein eindeutiges Weltbild verzichtet. Wir wissen nicht mehr immer und genau, was Ereignisse bedeuten, Rollenzuteilungen stimmen nicht mehr immer, Handelnde können für das Eine stehen und gleichzeitig für sein Gegenteil oder auch noch ein Drittes. In einem aus den vielen guten Beiträgen dieses Buches noch einmal herausragenden, paradigmatischen Artikel über "The People of Genova" bemerkt Thomas Seibert, dass "noch keine Bewegung so entschieden die eigene heterogene Zusammensetzung bejaht (hat)" (S.59) wie die globalisierungskritische. Gleichzeitig gab es noch nie eine Bewegung, die "in einem ebenso programmatischen wie organisatorischen Internationalismus bereits ihren Ausgangspunkt gefunden (hat)" (ebd.). Beides geschieht nicht zufällig, sondern auf dem Hintergrund historischer Erfahrungen und "reflektiert … dergestalt das relative Scheitern sämtlicher antikapitalistischer Projekte" (S.60). Das Wissen darum, dass man durch viele Niederlagen (nicht nur die der 90er Jahre, sondern auch die der Epoche vorher) gegangen ist, hat nebenbei zu einem anderen Blick auf die politischen Nachbarn geführt. "Ein großer Gewinn der jüngsten Bewegungen", schreiben Markus Wissen, Friederike Habermann und Ulrich Brand in ihrem Beitrag über den "Gebrauchswert radikaler Kritik" (der durchaus als programmatischer Text der Herausgeber gelesen werden kann), "ist ja der Versuch, sich gegenseitig zur Kenntnis zu nehmen und voneinander zu lernen" (S. 44). Dieser Versuch wird im Buch bis in die Form hinein praktiziert: Ariane Brenssell und Katharina Pühl gestalten ihren Beitrag über "hegemoniale Geschlechterverhältnisse im Neoliberalismus oder Geschlechterverhältnisse als neoliberale Hegemonie" (S. 84-100) als Abfolge je eigener Kurztexte zu gemeinsamen Fragestellungen, so dass Übereinstimmung und Differenzen selbst in Nuancen nachvollziehbar werden. Dabei geht es ganz wesentlich darum, wie und inwieweit "Geschlechterverhältnisse als konstitutiver Teil hegemonialer gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse" zu begreifen sind.

Insgesamt fällt bezüglich dieses Themas ein relativer Fortschritt gegenüber manch anderer Veröffentlichung auf: Die Frage von Patriarchat und Geschlechterverhältnissen ist nicht einfach als "Frauenfrage" ausgegliedert. Andrea Nachtigall und Anette Dietrich ("GeschlechterKrieg und FriedensFronten. Zur Funktion(alisierung) der Kategorie Geschlecht im Kontext von Krieg") weisen darauf hin, dass "eine feministische Perspektive keine ‚Frauenfrage' (ist), die nur danach fragt, wie wirkt sich dieses und jenes für Frauen aus? Das Geschlechterverhältnis ist ein Strukturprinzip, das unauflöslich mit kapitalistischer Vergesellschaftung verbunden ist … Die Geschlechterperspektive außen vor zu lassen, ist nicht bloße Nachlässigkeit …, sondern bedeutet vielmehr, ein grundlegendes Ordnungsprinzip unserer Gesellschaft in seiner unauflösbaren Verknüpfung mit anderen Strukturen nicht anzuerkennen." (S. 139f). So wichtig diese Betonung, so bedauerlich ist es, dass auch in diesem Buch nur Frauen darüber schreiben.

"Radikal Global" ist ein wichtiges Buch, das alle lesen sollten, die sich über den Stand vieler Debatten im radikaleren Teil der globalisierungskritischen Bewegung informieren wollen, und das alle lesen müssten, die ihrerseits "Bausteine für eine internationalistische Linke" (so der Untertitel des Buches) beitragen wollen.von Werner Rätz

aus: ila 270, November 2003

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Buch in der Kontroverse

Wenn der Verlag Libertäre Assoziation einen "Debattenband" zum Stand des Internationalismus ankündigt, darf man gespannt sein. Denn die von ihm herausgegebenen Bücher "Odranoel. Die Linke - zwischen den Welten" (1992) und "Tarzan - was nun? Internationale Solidarität im Dschungel der Widersprüche" (1997) boten anregende Lektüre und förderten so manche Grundsatzdebatte. Das von der Bundeskoordination Internationalismus (BUKO) herausgebene Buch radikal global stieß daher in der iz3w-Redaktion auf großes Interesse, aber auch auf unterschiedliche Einschätzungen.

Auf schwachem Fundament
Radikal global enthält lesenswerte Aufsätze, etwa jenen zur "Funktion(alisierung) der Kategorie Geschlecht im Kontext von Krieg". Die darin formulierte Kritik an feministischen Interpretationen der herrschenden Gewaltordnung könnte den Auftakt für eine spannende Diskussion heutiger internationalistischer Positionen bilden. Doch genau diese bleibt in dem Buch weitgehend aus. Unwidersprochen kann Claudia Bernhard in ihrer eindimensionalen Abrechnung mit dem Männlichkeitsmodell "Der Stärkere hat Recht" auf die Geschichte und Politik der USA fokussieren - als ob dieses Modell nicht global verbreitet wäre. Anstatt sich auf die Diskussion über linken Antiamerikanismus einzulassen, wehrt Bernhard diese als "überflüssig" ab. Damit vergibt sie die Chance, eine eigenständige Position zwischen den Männlichkeitsmodellen "Antiimperialismus" und "Pro-Amerikanismus" zu formulieren.

Wenig Bereitschaft, sich ernsthaft mit den Positionen seiner politischen Gegner auseinander zu setzen, zeigt auch Josef "Moe" Hierlmeier in seiner Abrechnung mit den "linken Bellizismen". Zwar unterscheidet Hierlmeier noch hinsichtlich rotgrüner und antideutscher Strömungen der Linken, um dann doch Enzensberger, Biermann, Pohrt, Fischer&Scharping, Habermas und die antideutsche Zeitschrift Bahamas in denselben bellizistischen Topf zu werfen. Dass Enzensberger und Biermann seinerzeit von der gesamten radikalen Linken inklusive der "Antinationalen" scharf kritisiert wurden und die späteren Antideutschen den NATO-Krieg gegen Jugoslawien gerade wegen der von Rotgrün bemühten Instrumentalisierung von Auschwitz strikt ablehnten, spielt für Hierlmeier keine Rolle. Vor lauter Abscheu gegenüber aller tatsächlicher oder vermeintlicher Kriegstreiberei versäumt er es, die Aussagen seiner Gegner korrekt zu belegen, sondern zitiert meist aus dem Zusammenhang gerissen und ohne vernünftige Quellenangaben. Nur ein Beispiel unter vielen ist, wenn Hierlmeier zum Zweiten Golfkrieg schreibt: "Auch in der Sicht der Antideutschen drohte Israel durch den Beschuss mit Scud-Raketen ein neuer Holocaust. Dies erfordere eine bedingungslose Solidarität mit Israel und eine militärische Ausschaltung von Saddam Hussein, wenn es sein müsse auch durch Atomwaffen (W. Pohrt)". Pohrt hatte aber keineswegs Bomben auf Bagdad gefordert, sondern in einer zugespitzten Situation folgenden Konditionalsatz geschrieben: "... eben (27.1., 17 Uhr) meldet Bagdad, dass es nun Israel mit Chemiewaffen auslöschen wolle, eine Absicht, die Israel gegebenenfalls hoffentlich mit Kernwaffen zu verhindern wissen wird" (konkret 3/1991, S. 15). Man kann Pohrt für diese und andere Aussagen kritisieren (wobei sich Hierlmeier allerdings wie die meisten Antimilitaristen um die Frage drückt, wie einem irakischen Chemiewaffenangriff anders als militärisch zu begegnen gewesen sei). Aber Pohrt des Bellizismus zu bezichtigen, also der Kriegstreiberei, ist haltlos. Außerdem hätte Hierlmeier besser recherchieren müssen. Denn niemand kritisierte Pohrts damalige Aussage besser als er selbst: "Wenn linke Schreiber den Frieden oder den Krieg meinen befürworten zu müssen, leiden sie stets unter Realitätsverlust und einer gewissen Aufgeblasenheit.(...) Mein Fehler war, daß ich mich von den friedensseligen Israel-Hassern zum Widerspruch provozieren ließ. Man soll eben nicht mit Leuten streiten, bei denen nicht mal das Gegenteil von dem, was sie sagen, richtig ist." (jungle world 9/1998)

Hierlmeiers undifferenzierte Argumentation demonstriert einmal mehr die in der gesamten Linken üblich gewordene Neigung, die eigene Gesinnungstüchtigkeit durch übersteigerte Abgrenzung zu demonstrieren. Damit steht Hierlmeier in dem BUKO-Buch nicht alleine: Auch bei Thomas Seibert oder Claudia Bernhard gerät die Ablehnung alles "Antideutschen" zum identitätsstiftenden Ritual. Die notwendige Kritik am vereinfachenden antideutschen Weltbild (wie sie Jörg Später in seinem Beitrag vorführt) misslingt jedoch auf diese Weise.

Ein weiteres Manko des Buches ist, dass viele Texte aus den einschlägigen Zeitschriften bekannt sind. Es wirft kein gutes Licht auf die Bewegung, wenn Ulrich Brand, Markus Wissen und Friederike Habermann zum x-ten Mal ihre Thesen zur "Rehabilitierung von Protest und zur Neudefinition radikaler Kritik" unters globalisierungskritische Publikum streuen. Dass radikale Kritik am globalisierten Kapitalismus notwendig ist und sie den "Staat" nicht als positiven Gegenentwurf zum "Markt" imaginieren sollte, ist ein alter Hut. Von einem "Debattenband" darf Originelleres erwartet werden. Die in solchen Beiträgen beobachtbare Selbstbeweihräucherung setzt sich fort, wenn die sozialen Bewegungen fetischisiert werden, etwa in der Diskussionsrunde über den Zapatismus. Hier werden die Zapatistas von einer Schar deutscher JüngerInnen einmal mehr zur "hochgradig interaktive(n) Bewegung" und ihre Rebellion zur Initialzündung der Globalisierungskritik hochgejubelt. Die verschrobenen Vorstellungen der Revolutionsikone Subcomandante Marcos vom "Neoliberalismus" bleiben ebenso unerörtert wie dessen - gelinde gesagt problematische - Formulierung von den "heimatlosen und schamlosen Finanzzentren", die einen "Krieg gegen alle Völker" führten. So nachvollziehbar die zapatistische Rebellion im regionalen Kontext der Unterdrückung einer indigenen Gruppe sein mag, so wenig taugt sie als Projektionsfläche für den "globalen Widerstand" gegen "die Globalisierung". So zeigt sich, dass viele der heutigen internationalistischen Positionen auf schwachem Fundament ruhen und einer (selbst)kritischen Überprüfung kaum standhalten. Christian Stock

Gegen gelesen
Das verbindende Element der BUKO ist der Internationalismus. Jenseits dessen öffnet sich ein breites Feld unterschiedlicher Positionen, Ansätze und Organisationsformen. Dies geht teilweise bis hin zum offenen Gegensatz. Manche Debatten lässt dies quälend werden, bei anderen ist gerade dieser Pluralismus das Bereichernde. Viele Debatten müssen auch immer wieder von vorne oder in neuen Varianten geführt werden, weil alte Positionen neu in Frage gestellt werden. Entsprechendes darf mensch beim neuen BUKO-Buch radikal global erwarten, zumal es 19 Beiträge von insgesamt 30 AutorInnen enthält. Der eingenommene "bewegungsbezogene Blickwinkel" ist also nicht mit Nabelschau oder gar Selbstbeweihräucherung zu übersetzen.

In diesem Sinne formuliert Michael Hahn in seinem Beitrag eine Kritik antiamerikanischer Ressentiments in der Linken. Er tut dies nicht aus einem moralisch erhabenen Jenseits heraus, dem jede Kritik gleich antiamerikanisch sei. Vielmehr geht es ihm - neben der nachdrücklichen Benennung des von manchen reflexartig geleugneten Problems - darum, Kriterien herauszuarbeiten: Wo liegen die Differenzen zwischen einerseits berechtigter und nötiger Kritik der Hegemonialpolitik der USA oder den innergesellschaftlichen Verhältnissen und andererseits der selektiven Projektion negativer politischer und kultureller Eigenschaften auf ein einzelnes, scheinbar so anderes Land? Etwa wenn die USA im Irakkrieg zum Hort des Militarismus, Europa aber zum Wächter der Zivilisation stilisiert werden - letzteres völlig abgelöst von der jüngeren europäischen Geschichte (Kosovokrieg) oder konkreten, ebenfalls hegemonialen Interessen Deutschlands und Frankreichs im Falle Irak.

Eine ähnliche Form der kritischen Betrachtung liefert Jörg Späters Auseinandersetzung mit der Rezeptionsgeschichte des Nah-Ost-Konfliktes in der deutschen Linken. Und der Beitrag von Andrea Nachtigall und Anette Dietrich "Zur Funktion(alisierung) der Kategorie Geschlecht im Kontext von Krieg" bringt eine Kritik an Verkürzungen oder problematischen Ansätzen innerhalb des Feminismus, von bellizistischen bis zu Friedensströmungen. Gleichzeitig konstatieren sie, dass sich die "Etablierung feministischer Perspektiven und die Relevanz der Geschlechterverhältnisse als selbstverständlicher Teil einer jeden linken Analyse" auch bei der BUKO nicht oder nur in Ansätzen durchgesetzt habe. In etwas abgetragenem Gewand - nämlich mit dem abgedroschenen Titel "preguntando caminamos" - kommt das Gespräch über den Zapatismus daher. Zwar unterziehen die DiskutantInnen den Zapatismus wirklich nicht einem Bewegungs-Elchtest. Doch ist durchaus einiges zu erfahren, was zur politischen und sozialen Einordnung beiträgt: etwa wie sich die rahmengebende Situation in Mexiko oder das schwierige Verhältnis der EZLN zu anderen oppositionellen Strömungen entwickelt haben, in welche Sackgassen sich die EZLN teilweise durch das Ausspielen der "ethnischen Karte" hinein manövriert hat oder wohin die Romantisierung des "nationalen Befreiungsheers" internationale UnterstützerInnen führt. Besondere Kontroversen löst bereits jetzt Moe Hierlmeiers "Kritik linker Bellizismen" aus. Zugrunde liegt seiner Analyse die Kritik des in immer neuer Gestalt wiederkehrenden linken Hegelianismus bzw. zivilisatorischen Fortschrittsdenkens sowie eines undialektischen Denkens in sich diametral gegenüberstehenden Kategorien von Gut und Böse. Dabei greift er in einem historischen Exkurs problematische Vorstellungen bei Marx und Engels auf, kritisiert Max Horkheimers absurde Rechtfertigung des US-Krieges in Vietnam als "Verteidigung der Menschenrechte" und widmet sich dann schwerpunktmäßig zwei - politisch gesehen eigentlich völlig gegensätzlichen - Strömungen der 1990er Jahre: dem rotgrünen oder linksliberalen "Menschenrechtsbellizismus" und dem "Antideutschen Bellizismus". Auch wenn seine Ablehnung sehr deutlich wird, versucht er beide nicht einfach als Kriegstreiber bloßzustellen, wie es der Titel vielleicht nahe legt. Sondern er benennt einige weltpolitische Faktoren und auch deutsche Hintergründe, vor denen wachsende Zustimmung zu Krieg als Mittel der Politik zu erklären ist. Ein zentraler Kritikpunkt ist die Produktion definitiver Entscheidungssituationen durch falsche historische Vergleiche mit dem Nationalsozialismus: beim ersten etwa zur Legitimierung des Angriffskrieges auf Rest-Jugoslawien (die Rede von Milosevic = Hitler, KZs usw.), beim zweiten durch die Behauptung, Israel drohe durch den Irak und die Palästinenser ein neuer Holocaust. Dies sei - entgegen ihrer ideologischen Stoßrichtung - eine Relativierung des Holocaust durch die Antideutschen.

Problematisch ist, dass Hierlmeier keine genaue Abgrenzung zwischen Bellizismus und in Realpolitik mündender Verzweiflung angesichts überaus gewalttätiger Verhältnisse liefert. Somit können sich viele angesprochen fühlen, die "Kollateralnutzen" bei den US-geführten Kriegen sehen (Zerschlagung der Hussein- oder Taliban-Diktatur), sich selber dennoch nicht als Kriegsbefürworter sehen (wollen). Allerdings weist er das Argument des Krieges als kleineres Übel auch konkret zurück: Der Irak sei nicht angegriffen worden, weil er so stark, sondern relativ schwach erschien. Interessant, dass die Kritisierten ausgerechnet eine Entgegnung vorbringen, die sie sonst - wertkritisch oder anders gerüstet - immer wieder vorgehalten bekommen und ebenso entschieden zurückgewiesen haben: nämlich sich realpolitisch auf die eine oder andere falsche Seite in Konflikten schlagen zu müssen. Aus undogmatischen Antimilitaristen werden so Drückeberger in der Argumentation. Damit wären wir beim Artikel "Vom Gebrauchswert radikaler Kritik": Dieser postuliert nämlich als ihre Aufgabe und Möglichkeit, die Grenzen herrschender Diskurse zu überschreiten. Was dies konkret heißen soll, dafür braucht es von Zeit zu Zeit Debattenbände. Heiko Wegmann

aus: iz3w, November 2003

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MULTITUDE - Radikal Global

DIE SPRICHWÖRTLICHEN "MÜHEN DER EBENE" symbolisieren für politische Bewegungen nicht nur die alltägliche Organisationsarbeit zwischen den "Gipfeln" politisch-aktivistischer Mobilisierung, sondern vor allem auch den mühsamen Prozess, sich das Instrumentarium erst anzueignen, mit dem man halbwegs die Orientierung zwischen den jeweiligen Gipfeln behält.

Dass Bewegung also jede Menge Reflexion braucht, mit diesem Umstand plagt sich derzeit weltweit wie auch in österreichischen Zusammenhängen die noch relativ junge globalisierungskritische Bewegung herum. Kluge, nachdenkliche Publikationen sind dabei hilfreich, im Moment aber noch dünn gesät. "Veränderung ist auf Bewegung angewiesen. Aber auch wer Veränderung ,von unten' (...) denken und entwickeln will, befindet sich nicht auf sicherem Grund. Der soziale Antagonismus existiert nur im Plural, verfügt über kein einheitliches Subjekt und kann sich auf kein per se ,unschuldiges' oder aus sich heraus sozialrevolutionäres ,Unten' stützen. Unterdrücktsein ist kein privilegierter Ort, dem die Tendenz zur Befreiung immanent wäre." - Knapp und anschaulich fasst Theo Bruns in einer Einleitung die Grundposition zusammen, von der aus die HerausgeberInnen des Sammelbandes "radikal global" (Assoziation A) über Erscheinungsformen, Diskurse und Perspektiven von "Globalisierung" wie. auch der so genannten "globalisierungskritischen Bewegung" reflektieren.

Was diesen Band einerseits angenehm von anderen Publikationen zum Thema abhebt und ihn andererseits für die Debatte der Bewegungen wertvoll macht, ist die behutsame, sich selbst permanent hinterfragende Annäherung der HerausgeberInnen - wie auch der allermeisten AutorInnen - an den Gegenstand ihres Interesses. Da steht offensichtlich kein fertiger programmatischer Masterplan hinter den Argumenten, kein Bewusstsein, im Besitz der Erkenntnis zu sein. "Fragend gehen wir voran" - das Motto der zapatistischen Revolte ist auch eines der Leitmotive von "radikal global". Entsprechend beginnt der Band mit einer E-Mail-Konversation über "Zapatismus und seine Resonanzen", an die sich zahlreiche interessante Beiträge anschließen, die recht umfassend die wesentlichen Diskurse und Streitfragen der globalisierungskritischen Bewegungen thematisieren: Der Themenstellungen "Globalisierungskritik und globale soziale Bewegungen?", "Krieg und Frieden in der neuen Weltordnung", "Antirassismus - Migration - Sicherheitsgesetze", "Imperialismus oder Empire?" sowie "Israel, Palästina und die deutsche Linke" nehmen sich AutorInnen mit unterschiedlichstem theoretischen und politischen Background an. Die Palette reicht vom orthodoxen marxistischen Wertkritiker über ParteigängerInnen des Poststrukturalismus bis zum autonomen "Empire-Fanclub".

FÜR DIE QUALITÄT DES BANDES BÜRGT wohl schon die Herausgeberin, die "Bundeskoordination Internationalismus" (BUKO), einstmals Dachorganisation entwicklungspolitischer Initiativen in Deutschland, mittlerweile aber schon seit Jahren vor allem eine "kritische Instanz der Bewegung", wie Theo Bruns in seiner Einleitung schreibt, deren "Stärke weniger in der Fähigkeit zur Mobilisierung (liegt) als vielmehr darin, Prozesse der Selbstverständigung innerhalb der internationalistischen Linken zu fördern."

In Diskussionszusammenhängen der BUKO wurde entsprechend auch das 2. Leitmotiv von "radikal global" entwickelt, das der Beitrag von Markus Wissen, Friederike Habermann und Ulrich Brand ("Vom Gebrauchswert radikaler Kritik"), mit dem Begriff/dem Konzept der "radikalen Kritik" fasst. "Radikale Kritik ist nicht gleichbedeutend mit theoretischer Kritik", postulieren die AutorInnen - wohl mit Blick auf die zunehmende Attraktivität linker Elfenbeinturmsekten mit totalitärem Wahrheitsanspruch -, auch wenn theoretisch angeleitete Kritik natürlich wesentlich dazu beitragen würde, "gesellschaftliche Veränderung in emanzipatorischer Absicht voranzutreiben". Radikale Kritik gehe aber davon aus, dass "Begriffe, Sichtweisen und Verständnisse der Welt, die verändert werden soll, sich in vielfältigen Praxen (entwickeln): in der theoretischen Arbeit ebenso wie im praktischen Widerstand." "radikal global" bietet dementsprechend keine exakte Wegekarte für den großen Aufbruch an, wohl aber Werkzeuge zur Orientierung, die - und auch das unterscheidet den Band von ähnlichen Publikationen - miteinander in Beziehung gesetzt/produktiv konfrontiert werden. Günther Hopfgartner

aus: MALMOE / Wien, Oktober 2003

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Titel wie auch Untertitel des jetzt bei Assoziation A erschienenen Bandes zeigen an, dass es mal nicht um die neue Strömung rund um attac geht. Und überraschenderweise unterscheidet sich auch die Herangehensweise der AutorInnen im Umfeld der Bundeskoordination Internationalismus an die Phänomene des entfesselten Neoliberalismus erheblich von jener der attac-Größen.
Ein Motto des Debattenbandes könnte auch das zapatistische "Fragend gehen wir voran" sein. Nach dem Scheitern vieler aus der Revolte von 1968 hervorgegangenen Bewegungen kann es, wie Dario Azzellini formuliert, aktuell nur darum gehen, "politische Alternativen mit eigenen Mitteln und eine Aneignungsbewegung von unten zu entwickeln", wobei aber auch "der Kampf gegen das Bestehende geführt werden" muss. Der Band gliedert sich in sechs thematische Felder. Eingeleitet wird er mit einer E-Mail-Diskussion zum Zapatismus, der auch für die Metropolenlinke wichtige Impulse gebracht hat - z.B. die Ablehnung der Staatsmacht als zentralem Vehikel sozialer Veränderung. Im zweiten Block geht es um den Gebrauchswert radikaler Kritik, die wie die Autoren meinen, die Formen von Politik (z.B. NGOs) in Frage zu stellen und Anknüpfungspunkte in Alltagspraxen zu suchen hat (z.B. soziale Zentren in Italien). Thomas Seibert von medico international diskutiert, ausgehend von einer Kritik der Strömungen der deutschen Linken, die Möglichkeiten einer in die Bewegungen intervenierenden Linken. Dass Ökologie und Geschlechterverhältnisse, die altbekannten "Neben"-Widersprüche, wieder ins Blickfeld der Linken kommen müssen, machen die Beiträge von Christoph Görg und Arianne Brenssell und Katharina Pühl deutlich. "Krieg und Frieden in der neuen Weltordnung" ist die Überschrift zum dritten Kapital. Ausgehend von der These, dass Krieg und Ausnahmezustand zum Normalzustand zu werden drohen, kritisieren die Aufsätze, wie sich z.B. "Linke", NGOs und Frauengruppen unter Verweis auf die Opfergruppen auf die Seite imperialistischer Aggressionen stellen. Mit Antiamerikanismus als dem "Antiimperialismus der dummen Kerls" und den Argumentationslinien linker Kriegsbefürworter setzen sich zwei weitere Beiträge auseinander. Ein Highlight des Buches ist das Kapitel über "Antirassismus - Migration - Sicherheitsgesetze". Neben einer hochinteressanten Reflexion über die antirassistischen Kampagnen der letzten Jahre (Martin Rapp), diskutieren drei Kanak-Attac-Aktivisten die Möglichkeiten der MigrantInnen, den Kampf für ihre Rechte offensiv zu organisieren. Schließlich gibt's eine wichtige Kritik an den neuen Anti-Terror-Gesetzen. Ein bisschen zu akademisch finde ich die beiden Artikel zur Fragestellung "Imperialismus oder Empire", aber das mögen Leute, die sich mit Interesse durch Negri/Hardt gelesen haben, anders sehen. Das letzte Kapitel widmet sich "Israel, Palästina und die deutsche Linke" und beinhaltet zum einen eine "Rezeptionsgeschichte des Nahostkonflikts durch die deutsche Linke" (Jörg Später), zum anderen einen nachdenklichen Essay von Hanno Loewy.
Die Beiträge des Debattenbandes spiegeln den Diskussionsstand der deutschen Linken. Da ist viel Produktives, eine Aufbruchstimmung zu verbreiten, hüten sich die meisten Autoren trotz Seattle und Genua. Die da schreiben sind größtenteils in den 1960er Jahren geboren und haben sich - im Unterschied zu dem, was mensch von manchen "Älteren" kennt - einem sehr "akademischen Diskurs" verschrieben. Das tut nicht jedem Aufsatz gut, zumal viele Interessierte eben daran scheitern werden. RR.

aus: revista. linke zeitung für politik und kultur aus celle, Nr. 20, Okt./Nov. 2003

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Im Mai diesen Jahres starb Marie Schlei. Dies mag erst einmal zu einem verdutzten "Na und?" reizen. Heidemarie Wieczorek-Zeul, Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), meinte in der Laudatio am 21.Mai: "Als Marie Schlei Anfang 1978 aus dem Amt schied, hatte sie zwar nur eine kurze Zeit an der Spitze des BMZ gestanden. Sie hat aber durch ihren engagierten Einsatz die Arbeit des Ministeriums und dadurch auch der entwicklungspolitischen Community bleibend geprägt und ein Stück besser gemacht. Und wollen wir das nicht eigentlich alle: Spuren hinterlassen, eine nachhaltige Wirkung erreichen?" So wie Marie Schlei ein Kind der Arbeiterbewegung und der sozialdemokratischen Frauenbewegung war und diese Herkunft auch im Ministerium nicht völlig verleugnete, so ist Heidemarie Wieczorek-Zeul eine Schwätzerin der Postmoderne, die hier gar nicht wusste, wie Recht sie hatte. Die "entwicklungspolitische Community", der Marie Schlei zum Leben verhalf, heißt heute Bundeskoordination Internationalismus (BUKO) und wurde auf Betreiben der damaligen Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit 1977 in München als Bundeskonferenz entwicklungspolitischer Aktionsgruppen gegründet. Die in dieser Zeit, als noch niemand von NGOs sprach, lautstark auftretenden ML-Gruppen, die über einen lockeren Zusammenschluss von internationalistischen Gruppen die Nase rümpften und dieser "kleinbürgerlichen" Formation ein kurzes Leben an der Leine des Ministeriums prophezeiten, haben sich genauso getäuscht, wie das Ministerium selber, dass sich so einen Arm in die Bewegungen schaffen wollte. Während sich in den letzten Jahren viele internationalistisch arbeitenden Gruppen der Lobbyisierung verschrieben haben, setzt die BUKO weiter auf die sozialen Bewegungen als politischen Bezugspunkt. Ein basisdemokratisches Selbstverständnis ist für sie wesentlich. Die Fragen nach Handlungsperspektiven gegen globalen Kapitalismus, Rassismus und Patriarchat stehen im Zentrum der BUKO-Aktivitäten. Mit Radikal Global legt die BUKO in diesem Jahr eine Aufsatzsammlung vor, die Positionen entwickelt zu den Themen "Globalisierungskritik, globale soziale Bewegung"; "Krieg und Frieden in der neuen Weltordnung"; "Antirassismus, Migration, Sicherheitsgesetze"; "Imperialismus oder Empire"; und "Palästina und die deutsche Linke". Mit der Assoziation A wurde ein Verlag mit der Herausgabe des Buches beauftragt, dessen Hamburger Vorläufer VLA seit den frühen 90er Jahren bereits Aufsatzsammlungen zur Positionierung einer undogmatischen, internationalistischen Linken veröffentlicht hat. Eröffnet wird das Buch, in dem es um die Analyse verschiedenster gesellschaftlicher Verhältnisse geht, durch einen von Ulrich Brand moderierten E-Mail-Austausch über den Zapatismus. Vielleicht ist es dem Bestreben der BUKO gezollt, neue Wege nicht abseits liegen zu lassen, dass diese Form den einmal mehr akademisch, einmal mehr journalistisch gefärbten, aber immer spannenden Positionsreigen eröffnet. Im Beitrag von Ariane Brensell und Katharina Pühl über hegemoniale Geschlechterverhältnisse in der Mitte des Buches, der in Form eines Zwiegespräches daherkommt, gelingt die Abweichung von der gängigen Form auf jeden Fall besser. Die politische Diskussion der 90er Jahre wird durch einen großen Teil der Beiträge und durch die Beiträge zum 11.9.2001 und dem dritten Irakkrieg weitergeführt und neu belebt. Dass dabei im Umfeld der BUKO zu vielen Themen unterschiedliche Positionen vertreten werden, wird dabei nicht verschwiegen. Ich würde empfehlen, den Einstieg in die unendlichen Weiten der BUKO- Diskussionsrunde mit den "Perspektiven für eine gesellschaftsverändernde Praxis" von Markus Wissen, Frederike Habermann und Ulrich Brand zu beginnen. Danach sollte das persönliche Interesse sich den Weg durch dieses Universum bahnen. Thomas Schroedter

aus: SoZ - Sozialistische Zeitung, November 2003, Seite 14

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Auch in der Linken wird über die sog. Globalisierung viel diskutiert, meist jedoch unter dem Duktus der Besserwisserei. Dies bezieht sich auch auf die neue internationale Protestbewegung mit der höchst problematischen Kennzeichnung als "Antiglobalisierungsbewegung", auf die europäischen Sozialforen und die diversen Gruppierungen gegen die Gipfeltreffen der Eliten der Industrienationen. Ein Verdienst des BUKO ist es, nun mit einem Sammelband kritisch-solidarisch Stellung zu beziehen zu den neuen Protesten und für eine Globalisierung von unten zu plädieren. BUKO bedeutet Bundeskoordination Internationalismus (früher Bundeskongress entwicklungspolitischer Aktionsgruppen) und versteht sich als Dachverband von ca. 150 Solidaritäts-, Dritte-Welt- und entwicklungspolitischen Gruppen, der alljährlich einen Bundeskongress durchführt und die Zeitschrift "alaska" herausgibt. Gegenüber allzu schnellen ideologischen Parteinahmen für die richtige Linie warnen die Herausgeber der Neuerscheinung: "(Post-)Operaismus, Wertkritik, Regulationstheorie und Dekonstruktivismus kämpfen im linken Meinungsstreit um die pole position. Theoriebildung ist ein unverzichtbarer und orientierender Bestandteil gesellschaftsverändernder Praxis, aber jedem Denkentwurf haftet etwas Provisorisches und Hypothetisches an, und er ist daran zu bemessen, ob er den Blick auf die Wirklichkeit frei legt oder sie hinter einem hermetischen Begriffsgerüst eher zum Verschwinden bringt."

Der Sammelband beinhaltet sieben Themenfelder, zu denen unterschiedlich Stellung bezogen wird. Einleitend wird über die zapatistische Bewegung in Mexiko und deren Wirkungen diskutiert. Dann wird zum Thema Globalisierungskritik und soziale Bewegungen u.a. ein Plädoyer für eine gesellschaftsverändernde internationalistische Praxis formuliert und die Geschichte der Protestbewegung von Genua nachgezeichnet. Das Thema Krieg und Frieden enthält die meisten Beiträge, die alle vor dem letzten Irak-Krieg geschrieben wurden. Trotzdem sind die Beiträge höchst fruchtbar für aktuelle Debatten - hierbei besonders empfehlenswert die Auseinandersetzungen mit dem Antiamerikanismus und mit dem Bellizismus von links.
Weitere Themen sind Migration und antirassistische Praxis, Imperialismus und - last not least - die linke Debatte um den Nahostkonflikt.
Trotz höchst unterschiedlicher Ansichten in vielen Bereichen eint die Autoren die Forderung nach einer Neuformulierung von Imperialismus-Kritik und einer internationalistischen Praxis auf der Höhe der Zeit in Abgrenzung zu einem herrschaftskonformen NGO-Lobbyismus sowie die Absage an dualistische Weltbilder - gleich ob in traditionell antiimperialistischer "Volkssolidarität" oder in "antideutscher" Weltverschwörung.
Ein notwendiges und äußerst brauchbares Werk für die linke Debatte! AL C.

aus: TERZ, Düsseldorfs Stattzeitung für Politik & Kultur, 09/03

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Radikal global - eine Debatte und Bausteine für linke Politik

Der Blick über den Tellerrand
Am Anfang steht eine nicht allzu gewagte Hypothese: "Vielleicht zum ersten Mal seit 1968 zeichnet sich mit den Protesten gegen die Gipfeltreffen von Seattle, Prag und Genua sowie den europäischen und Weltsozialforen eine globale Protestbewegung ab."

Die internationale Debatte ist längst eröffnet. Ein neuer Sammelband trägt verschiedene Diskussionsbeiträge zusammen - mit dem Anspruch und dem Untertitel "Bausteine für eine internationalistische Linke". Das Objekt der Begierde, der Analyse und der Reflexion sind soziale Bewegungen - weniger die so genannten Ein-Punkt-Bewegungen, entstanden unter den spezifischen Bedingungen unterschiedlicher nationaler Rahmenbedingungen und in dieser Weise stets auch ein Ausdruck der Versäumnisse offizieller Politik. Vielmehr soziale Proteste als Teil einer globalen Bewegung von unten, die versucht, gesellschaftliche Verhältnisse an unterschiedlichen Orten der Erde möglichst zum Tanzen zu bringen. Schließlich wird in fast allen Debattenbeiträge, neben der Beschreibungen veränderter Rahmenbedingungen und sozialen Protestes nach der Epochenwende 1989/90, mehr oder weniger deutlich die Frage aufgeworfen: Wie sieht heute politisches Engagement aus, das in einem emanzipatorischen Sinn bestehende Strukturen aufzubrechen vermag? Welche Perspektiven ergeben sich für eine internationalistische Linke?

Die Beiträge plädieren für die viel zitierte "Globalisierung von unten", die einerseits den Blick über den eigenen Tellerrand wagt, andererseits aber die Beschäftigung mit nationalen Bedingen nicht außen vor lässt. Das ist auch Credo des Herausgebers des Buches, der Bundeskoordination Internationalismus (BUKO).

Zum Themenschwerpunkt "Antirassismus-Migration-Sicherheitsgesetze" werden u.a. die Kampagne "kein mensch ist illegal" oder "die Autonomie der Migration", und hier besonders die Lebensrealität von Flüchtlingen und Migranten in Deutschland ausführlich unter die Lupe genommen. An (selbst-)kritischen Stellungnahmen fehlt es nicht: Allen Bekenntnissen zum Trotz hat demnach auch eine sich selbst als antirassistisch bezeichnende Linke diese bisher teils nur sehr unzureichend zur Kenntnis genommen. Der größte Raum ist dem wichtigen Problemkreis "Krieg und Frieden in der neuen Weltordnung" eingeräumt. Ausführlich setzt sich hier Josef Hierlmeier in seinem Beitrag "Das Menschenrecht auf Krieg" mit der Kritik linker Bellizisten, und vor allem der so genannten antideutschen Strömung auseinander. Angesichts der Tatsache, dass gleich mehrere linke Publikationen den auf allzu einfache Wahr- und Gewissheiten sich stützenden Herleitungsmodellen bei der Erklärung von Konflikten und gewaltsam ausgetragenen politischen Auseinandersetzungen ein großes Forum bieten, mag dies angemessen sein. Freilich wäre hier auch eine weniger aufwändige Beschäftigung möglich gewesen, was Hierlmeier indirekt einräumt: "Der Witz der ›antideutschen Position‹ besteht darin, dass differierende Einschätzungen und widersprüchliche Orientierungen harmonisiert werden. Es entsteht dadurch der Anschein von Kontinuität und Stringenz, wo in Wirklichkeit Brüche und Unvereinbarkeiten festzustellen sind." So seien weder die israelische noch die palästinensische Gesellschaft homogen. Ein Schwarz-Weiß-Schema ist entsprechend abzulehnen. Und dass sich eine Mehrheit der Bevölkerung gegen die Ausweitung von Kriegseinsätzen, zum Beispiel in Afghanistan ausspreche, könne nicht, wie von antideutschen Autoren geschehen, als Beleg für einen weit verbreiteten Anti-Amerikanismus herangezogen werden. "Dies als Beweis aufzufahren ist hirnrissig."

Ist die vorgenommene Beschäftigung mit dem "Menschenrechts-Bellizismus" zu Zeiten des Kosovo-Krieges noch eine sehr lohnenswerte Angelegenheit. weil sie deren propagandistische Elemente bloß zu stellen vermag, kann die Auseinandersetzung mit dem "antideutschen Bellizismus" nur schwerlich Teil einer in die Zukunft weisenden Debatte sein. Denn für die Zurückweisung von Realitätsverleugnungen sollte es an sich nur weniger Worte bedürfen. Viel wichtiger wäre es gewesen, die eigenen Erfahrungen mit und in der Friedensbewegung einer kritischen Würdigung zu unterziehen. Schließlich gibt es mit der BUKO-Kampagne "Stoppt den Rüstungsexport" seit langem ein "Erfahrungsfeld", das einige Antworten auf Möglichkeiten, Defizite und Probleme in und mit dieser sozialen Bewegung hätte liefern können. Die Frage von "Krieg und Frieden in der neuen Weltordnung" wird zu Recht mehrfach als ein wichtiger Bezugspunkt der notwendigen Debatte bezeichnet. Umso unverständlicher ist diese "Leerstelle". Dennoch: Das Buch enthält wichtige Anregungen und wirft notwendig zu stellende Fragen auf. Thomas Klein

aus: Neues Deutschland, Sonnabend/Sonntag, 30./31. August 2003

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Neue internationalistische Bewegungen, globale soziale Bewegungen, globalisierungskritische Bewegungen, Antiglobalisierungsbewegung - schon die Begriffsfindung ist umstritten. Fest steht: Gegen die neoliberale Globalisierung von oben bewegt sich etwas von unten - ebenfalls global. Diesem Phänomen widmen sich gleich zwei neue Bücher: Die Autoren von Radikal Global - Bausteine für eine internationalistische Linke analysieren mit Fokus auf die deutsche Linke zentrale politische Felder, an denen sich die Konflikte zwischen den verschiedenen Netzwerken, Bündnissen und Gruppen, deren kleinster gemeinsamer Nenner der Widerstand gegen eine neue Weltordnung ist, immer wieder entzünden. Dazu gehören Krieg, Migration, Feminismus und vor allem die Geschehnisse im Nahen Osten. Herausgekommen ist ein Sammelband, der die aktuellen Debatten der Linken in Deutschland eher zusammenfasst als neu anstößt. Angenehmerweise bleibt die sonst notorische Abarbeitung am Monopolisten der Globalisierungskritik Attac aus. Das Buch enthält einige interessante theoretische (und kritische) Überlegungen rund um Hardt/Negris Empire, wobei die Sphäre der Ökonomie seltsam unterbelichtet erscheint.

Mit einem stärkeren Akzent auf weltweiten Vernetzungsstrategien der globalen sozialen Protestbewegungen beschreibt der französische Multiaktivist Christophe Aguiton in Was bewegt die Kritiker der Globalisierung - Von Attac zu Via Campesina deren Entstehung und Entwicklung round the world. Was seinen Texten dabei an Kritik und Theorie fehlt, macht Aguiton mit Optimismus wieder wett. sk

aus: arranca!, Nr. 28, Winter 03/04

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Internationalismus und Bellizismus

Die Denunziation von Befürwortern der Militärintervention im Irak als Kriegshetzer interessiert sich nicht für die irakische Opposition.
Was herauskommt, wenn internationalistische Bewegungslinke sich zusammensetzen um ihr Tun zu reflektieren, nur um dann wieder in den alten Trott verfallen zu können, zeigt ein von der Bundeskoordination Internationalismus (BUKO), einer der wichtigsten Dachorganisationen der deutschen Linken, herausgegebener Sammelband. Das meiste darin kennt man bereits aus den diversen linken Zeitschriften. Einige der Beiträge können durchaus etwas zur Analyse der gegenwärtigen internationalen Entwicklungen beitragen. Die meisten Artikel sind jedoch ausgesprochen bewegungszentriert und ergehen sich in Selbstbeweihräucherungen. Beispielhaft sei hier nur das Zapatismus-apologetische Gespräch von mehreren AutorInnen, TheoretikerInnen und AktivistInnen genannt. Dieses Gespräch wird nur dort interessant, wo es die Entwicklung der letzten Jahre und die Reaktionen auf das Scheitern der Verhandlungsstrategien der mexikanischen EZLN thematisiert. Andrea Jung etwa erklärt, dass sich "innerhalb der zapatistischen Kreise immer wieder Personen" fanden, "die auf die Sackgasse des Verhandlungsprozesses damit reagierten, dass sie sich der EPR (Revolutionäres Volksheer) anschlossen", und dass aus den Vorbereitungskomitees für die "Marcha" 2001 eine Vielzahl von Gemeinschaften der "Sociedad Civil en Resistencia" entstanden sind, "die über die Betonung ihres zivilen Charakters versuchen, der zunehmenden Militarisierung der Region nicht zum Opfer zu fallen und auch gegenüber der EZLN größere Autonomie wahren." Jung ist es auch, die von der problematischen Verengung des Projektes EZLN auf die Probleme der Indigenas spricht, welche sie als Resultat der "Enttäuschungen mit der so hoffnungsvoll angerufenen Zivilgesellschaft" sieht. Interessant ist dabei auch die Diskussion um die beschlossene Autonomiegesetzgebung, welche die Zapatisten nicht erwartet hätten, und die von den DiskussionsteilnehmerInnen durchaus unterschiedlich eingeschätzt wird.
Ernst Lohoff von der Nürnberger Krisis-Gruppe versucht die Unterschiede zwischen modernen nationalistischen Zerfallskriegen wie im ehemaligen Jugoslawien und den ebenfalls gewaltförmigen historischen Nationsbildungen in Europa herauszuarbeiten. Er kommt dabei zu dem Schluss, dass es irrelevant wäre, "unter welcher Fahne wo das große Modernisierungswerk und die Inwertsetzung vonstatten geht". Vielmehr komme es darauf an, "wer sich welches Claim bei der Ausschlachtung der Modernisierungsruinen sichern kann". Solche Überlegungen könnten der Ausgangspunkt für eine weitere Diskussion sein. Diese findet in dem BUKO-Band jedoch nicht statt. Zu wenig beziehen sich die Beiträge aufeinander. Zu oft geht es nur um Selbstvergewisserung oder Abgrenzungen. Besonders deutlich wird das dort, wo auch durchaus lesenswerte Beiträge, wie jener von Andrea Nachtigall und Anette Dietrich, nicht umhinkönnen, sich neben der fundierten Kritik an einer feministischen Lesart des 11. Septembers, die in den Twintowers nur die "phallischen Symbole des westlichen Finanzkapitals" erkennen will, auch noch an der identitätstiftenden Abscheu vor der antideutschen Berliner Zeitschrift Bahamas beteiligen. Nicht, dass es da nichts zu kritisieren gäbe. Problematisch wird diese Kritik aber, wenn sich AutorInnen nicht einmal mehr die Mühe machen, die kritisierten Stellen zu zitieren und die Bahamas nur mehr eine Projektionsfläche für die eigene linke Selbstvergewisserung darstellt.
Der diesbezügliche Tiefpunkt des Bandes stellt der Beitrag von Josef "Moe" Hierlmeier dar, der schlichtweg alle, die leise Zweifel an der unbedingten GegnerInnenschaft zu einem militärischen Sturz des ba'thistischen Regimes im Irak anmeldeten und über mögliche positive Effekte eines Irakkrieges für die irakische Bevölkerung oder für die Existenzsicherung Israels zumindest nachdachten, unter dem Begriff "Bellizisten", also Kriegstreiber, zusammenfasst. Er unterscheidet zwar zwischen einem "'humanitären Völkerrechts- und Menschenrechtsbellizismus' im Umfeld von Rot-Grün" und einem "antideutschen Bellizismus, zunächst um die Hamburger Monatszeitschrift ,Konkret'", aber nur, um gleich wieder vermeintliche Gemeinsamkeiten zu finden: "Beide Bellizismen verfolgten völlig unterschiedliche politische Projekte, überschnitten sich aber argumentativ: Verhinderung eines Völkermords, eines Genozids oder eines neuen Auschwitz, Bekämpfung faschistischer Diktaturen, Verteidigung Israels, Verteidigung der Zivilisation und der Freiheit wurden als ,gute Gründe' für die Zustimmung zum Krieg genannt." Er weigert sich aber, jene Stellen, die den Bellizismus von Bahamas- oder Konkret-AutorInnen belegen sollen, korrekt zu zitieren. Sein Beitrag kommt ohne eine einzige Quellenangabe aus. Für Hierlmeier ist einfach jede und jeder, der oder die im Zusammenhang mit dem Irak darüber nachdachte, ob es auch positive Effekte haben könnte, das Ba'th-Regime mit einer US-Militärintervention zu stürzen, ein Kriegshetzer.
Implizit stellt er damit auch einen großen Teil der irakischen Opposition, von den kurdischen Parteien PUK und KDP über einige islamische Parteien, die Assyrische Demokratische Bewegung bis hin zur Kommunistischen Partei Kurdistans, die der US-Intervention wesentlich positiver gegenüberstand als die Irakische Kommunistische Partei, ebenfalls als Kriegshetzer dar. Das geschieht jedoch nicht explizit, denn die Irakis selbst kommen bei Hierlmeier, wie bei so vielen deutschen KommentatorInnen, überhaupt nicht vor. Jene Menschen, wegen denen man sich angeblich gegen den Krieg aussprach, sind lediglich Objekte am Rand des Geschehens und keine handelnden Subjekte, die ernst zu nehmen wären. Im Gegensatz zu lateinamerikanischen Linken scheinen sie auch dem BUKO keine Auseinandersetzung wert zu sein. Kann das daran liegen, dass sie sich durch ihre Zusammenarbeit mit den Besatzern - schließlich ist auch die Irakische Kommunistische Partei trotz ihrer Ablehnung des Krieges im neuen Übergangsrat vertreten - nicht als Projektionsfläche für versteckten Antiamerikanismus eignen?
Hierlmeier ignoriert die simple Tatsache, dass es zumindest ein historisches Beispiel gibt, in dem ein Krieg das Massenmorden beenden konnte. Den Verweis auf das militärisch herbeigeführte Ende der deutschen Vernichtungsmaschinerie sieht er nur als Relativierung der Shoah und nicht als eben jenes Beispiel, das einen dogmatischen Pazifismus diskreditiert, weil faschistische Diktaturen nun einmal nicht mit guten Wünschen wegzubitten sind. Wen wundert es da noch, wenn Hierlmeier ganz im Sinne von Martin Walsers "Auschwitzkeule" meint, es ginge der antideutschen Kritik nicht mehr um Begründungen, sondern nur mehr "um einschlägige Assoziationsketten (...): ,Wer als erster Auschwitz sagt, hat gewonnen.'" Wäre Hierlmeier nicht einer der Mitherausgeber des Buches könnte noch gefragt werden, ob die Herausgeber nicht wenigstens hier die Notbremse hätten ziehen können. Solche verbalen Entgleisungen scheinen aber der Intention des gesamten Buches zu entsprechen.
Schade, dass sich auch der durchaus lesenswerten Aufsatz von Jörg Später über die Rezeption des Nahostkonflikts in der deutschen Linken oder der Beitrag von Manuela Bojadzijev, Serhat Karakayali und Vassilis Tsianos über Migration in dieser Gesellschaft wiederfinden. Thomas Schmidinger

aus: Context XXI, 8/2003-1/2004 (Wien)

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Widerstand in jedem Land

Der Reader "Radikal global" versammelt schlaue Ansätze der aktuellen Globalisierungskritik
Wer versucht, eine Linie zu finden, verzweifelt. Das ist immer so, wenn es um die so genannte globalisierungskritische Bewegung geht, das war so auf dem Weltsozialforum (WSF) im brasilianischen Porto Alegre, in den Debatten um die Mobilisierung gegen die Welthandelskonferenz (WTO) im mexikanischen Cancún - und ist auch bei dem Versuch der Bundeskoordination Internationalismus (Buko), "Bausteine für eine internationalistische Linke" zu liefern, nicht anders. Der Kampf gegen die "kapitalistische Globalisierung" ist zum gemeinsamen Dach für jeden Ansatz geworden, sich gegen die herrschenden Verhältnisse zu organisieren. Dass Kapitalismus ohne "Globalisierung" nie denkbar war und der Begriff folglich für analytische Zwecke wenig taugt, nimmt einer richtigen Erkenntnis nichts weg: Jeder Euro, der auf deutschen Sozialämtern gestrichen wird, hat auch mit den kriegerischen Avancen europäischer Außenpolitiker zu tun, und die Forderungen bolivianischer Kokabauern gehen an US-Wirtschaftsexperten nicht spurlos vorbei.
Also beschäftigen sich die 30 Autoren und Autorinnen in dem von der Buko herausgegebenen Buch "radikal global" mit allem, was in verschiedenen linken Szenerien in Deutschland in den letzten Jahren eine Rolle gespielt hat: mit Toni Negris und Michael Hardts "Empire", mit dem Kampf der Zapatisten im südmexikanischen Chiapas, mit der antirassistischen Kampagne "Kein Mensch ist illegal", mit der Rolle von Nichtregierungsorganisationen (NGO) in den Krisengebieten der Welt, mit Geschlechterverhältnissen und Krieg, mit Antiamerikanismus und "linkem Bellizismus" und natürlich mit dem Konflikt zwischen den Israelis und den Palästinensern.
So vielfältig wie die Themen sind auch die theoretischen Bezugspunkte, von denen aus die Autoren und Autorinnen schreiben. Ein feministisches Plädoyer für die "De- statt Rekonstruktion" von Identitäten steht einem Beitrag gegenüber, der im "Bezug auf die Dekonstruktion" eine Entradikalisierung und Verharmlosung der Frauenbewegung ausmacht. Und während Katja Diefenbach den Nutzen der "Empire"-Analyse verteidigt, zeigt Antira-Aktivist Martin Rapp Unverständnis darüber, dass die Thesen überhaupt Einzug in die linke Debatte gefunden haben. In der zur Multitude übergehenden antagonistischen Bewegung werde schließlich "Widerstand gegen die Gewaltmaschine obsolet". Eine wilde Mischung also. Das wiederum entspricht ganz dem Geschmack von Uli Brandt. Regelmäßig beschwört der Buko- und Attac-Mitarbeiter, was seiner Meinung nach die Stärke der globalisierungskritischen Bewegung ausmacht: die Vielfalt. Gemeinsam mit den Buko-Aktiven Markus Wissen und Friederike Habermann beschäftigt er sich mit dem "Gebrauchswert radikaler Kritik", einer Kritik, "die sich im spannungsreichen Verhältnis zwischen Theorie und Praxis sowie zwischen unterschiedlichen emanzipatorischen Praxen beständig weiterentwickelt". In den globalen sozialen Bewegungen gebe es, so schreiben die drei, "eine Vielzahl von Strategien und Handlungen, die sich allesamt notwendigerweise in Widersprüche und Dilemmata verheddern. Letztere können nicht aufgelöst werden, vielmehr geht es darum, bewusst und produktiv mit ihnen umzugehen."
Das klingt gut, hält aber in der Realität keiner Prüfung stand. Einflussreiche NGO und regierungsnahe Organisationen wissen das WSF von Porto Alegre auf der realpolitischen Bühne in ihrem Interesse zu nutzen, ohne Rücksicht auf die beteiligten radikalen Bewegungen der Landbesetzer oder Indígenas zu nehmen. Auch bei der Mobilisierung gegen die WTO-Konferenz in Cancún setzten starke Organisationen ihre Interessen autoritär durch, und der Versuch, mit Widersprüchen "bewusst und produktiv" umzugehen, hat nicht nur in Deutschland noch immer treffsicher in der nächsten Spaltung geendet.
Zweifellos zählt die Buko, vor gut 25 Jahren unter dem Namen "Bundeskongress entwicklungspolitischer Gruppen" gegründet, zu den schlauesten deutschen Vereinigungen, die sich linker internationalistischer Politik verpflichtet haben. Und so war sie fähig, in den neunziger Jahren umzudenken und nicht an den traditionellen Schemata der Trikont-Solidaritätsbewegungen festzuhalten. "Bisherige, allzu schlichte Feind- und Weltbilder landeten auf dem Misthaufen: die Aufteilung der Welt in ›gut‹ und ›böse‹, die kritiklose Solidarität mit nationalen Befreiungskämpfen, der weit verbreitete Antizionismus. Begriffe wurden geprüft, verworfen oder geschärft", resümiert Michael Hahn diese Entwicklung.
Folgerichtig reflektiert "radikal global" eine Debatte, die sich von den kruden Peinlichkeiten des bipolaren antiimperialistischen Weltbildes vergangener Zeiten verabschiedet hat. Man lehnt eine Kritik an US-imperialistischer Politik ab, die Sachlichkeit durch antiamerikanische, nationalistische Ressentiments ersetzt. Zwar dienen die "Antideutschen" gleich mehreren Autoren und Autorinnen als Anlass für aufgeregte kleine Tiraden, doch real wurden einige Positionen aufgegriffen, die einst von diesem Teil der Linken erst thematisiert wurden. Das hindert Josef Hierlmeier nicht daran, aufgeregt über "linke Bellizisten", sprich "antideutsche Zivilisationsbringer" zu schimpfen, die angeblich "seit Jahr und Tag glauben", eine "andere Welt herbeibomben zu können". Dem tatsächlichen Problem, dass zahlreiche irakische Oppositionsgruppen und nicht unerhebliche Teile der Bevölkerung einer US-Invasion viel affirmativer gegenüberstanden als die Internationale der Friedensfreunde, stellt sich der Buko-Aktivist nicht.
Doch Hierlmeier bleibt eher die Ausnahme. Die beiden Artikel, die sich beispielsweise mit dem palästinensisch-israelischen Konflikt beschäftigen, sind sehr viel ausgefeilter. Sowohl Jörg Späters "Kein Frieden um Israel" als auch Hanno Loewys "Solidarität: Mit wem? - Rückkehr: Wohin" sind von einer Haltung geprägt, die sich in eindeutige Distanz zum palästinensischen Widerstand stellt, aber auch nicht versucht, das Vorgehen der israelischen Regierung zur ultima ratio zu verklären. Doch mit solcher Ausgewogenheit, die im Israeli nicht nur den Täter und im Palästinenser nicht nur das Opfer sieht, dürften die deutschen Internationalisten innerhalb der weltweiten Bewegung so gut wie alleine dastehen. Dass jeder Linke "selbstverständlich das Existenzrecht Israels und sein Recht auf Selbstverteidigung anzuerkennen" habe, wie Hierlmeier lapidar anmerkt, mag diesseits der deutschen Grenze zumindest in ernst zu nehmenden Kreisen der Linken "selbstverständlich" sein. Schon in der italienischen oder spanischen Bewegung, spätestens aber in der lateinamerikanischen gilt jede Solidarität dem "kämpfenden palästinensischen Volk". Allemal zeigt man Verständnis für Selbstmordattentäter, die sich in Tel Aviv oder Bagdad in die Luft sprengen. Dass, wie Theo Bruns erwähnt, die "Anfal-Operation" gegen irakische Kurden von 1988 nach vorliegenden Schätzungen weit mehr "Verschwundene" produziert hat als alle südamerikanischen Militärdiktaturen zusammen, wird im gemeinsamen Kampf für das Selbstbestimmungsrecht der Völker gegen den US-Imperialismus hingenommen. In einem Film, der während der Aktivitäten gegen den WTO-Gipfel auf dem Marktplatz von Cancún gezeigt wurde, bekam eine Szene besonderen Applaus: der Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001. Auf Widerspruch wartete man vergeblich.
Radikal global? Wer auf eine "weltumspannende Bewegung" baut, "die in wechselseitigem Austausch an einer gemeinsamen Debatte um alternative Gesellschaftsentwürfe und Formen der Emanzipation arbeitet", muss sich auch damit konfrontieren, dass das antiimperialistische Selbstverständnis der Bündnispartner in aller Welt Prämissen setzt, die mit in einer deutschen Diskussion erworbenen Selbstverständlichkeiten nicht zu vereinbaren sind. Hier gibt es ein Defizit, das in dem Buko-Buch nicht einmal erwähnt wird. In der internationalen globalisierungskritischen Bewegung eine Debatte über die Gefahren des antiimperialistischen Weltbildes in Gang zu setzen, dürfte nicht zu den leichtesten Übungen gehören. Will der Buko aber nicht hinter seinen Erkenntnisstand zurückfallen und dennoch "global radikal" agieren, führt daran kein Weg vorbei. Wolf-Dieter Vogel

aus: jungle world v. 7. Januar 2004

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Eine andere Welt ist möglich

Drei gelungene Versuche, weltwirtschaftliche Strukturen zu analysieren
In den 1990er Jahren sah es lange so aus, als ob die außerparlamentarische Opposition von der Straße gekehrt worden sei - und nun auf der Müllhalde der Geschichte ihr Dasein fristet. Doch spätestens seit den Protesten in Seattle 1999 ist ein Widerstand gegen die herrschende Weltordnung wieder wahrnehmbar. Im Gepäck hat die nunmehr globalisierungskritische Bewegung jetzt Fragen, die sich auf die Funktionsweise weltwirtschaftlicher Strukturen richten: Ein Eindruck, der sich deshalb aufdrängt, weil anfänglich Weltwirtschaftsgipfel und G8-Treffen Anlass zum Protest boten. Analysekategorien, die soziale Bewegungen zuvor mühsam erkämpft hatten - wie Sex und Gender, Rasse, Klasse, Sexualität, geopolitische Verortung, körperliche Fähigkeiten. Sie alle wurden im Zusammenhang mit der neuen Formation zunächst kaum thematisiert. Dagegen waren - unterschiedliche Herrschaftsformen wenig differenzierende - Theoriegebäude wie das berühmte "Empire" von Negri und Hardt bald in aller Munde.
Erfreulich daher, dass inzwischen einige Sammelbände erschienen sind, die der allgemeinen Suche nach einem umfassenden Erklärungsansatz widerstehen. Vielmehr bieten sowohl radikal global als auch die Schriftreihe metroZones Perspektiven an, die von der Ebene der Alltagsphänomene aus die Wirkungen der Globalisierung nachvollziehen. Während die einigende Klammer der metroZones-Bände der urbane Raum ist, macht die Stärke von Radikal global aus, sich auf basisnahe Bewegungen beziehen. Versammelt sind hier feministische, migrantische, ökologische, pazifistische oder allgemein linkspolitische Aufsätze, die es allesamt auszeichnet, sorgfältig gegenwärtige Machtverhältnisse im lokalen, nationalen und globalen Rahmen auszuloten und nach besseren, gerechteren Handlungsweisen zu suchen. In radikal global zeigt sich auch, dass alteingesessene politische Fragestellungen nichts an Aktualität verloren haben, weil sie weiterentwickelt gesellschaftlichen Veränderungen analytisch kontern können.
Der Beitrag Christoph Görgs zur Ökologie ist zum Beispiel erhellend, weil er "Umwelt immer schon in einem gesellschaftlichen Kontext sieht. Die Konstruktion von Natur als etwas, "das alle angeht" und so bestenfalls zum pflichtgemäßen Recycling führt, dient für ihn meist nur einer neoliberalen Entthematisierung von Machtverhältnissen. Erst die Frage, "welche Akteure die Kontrolle über die Gestaltung der Naturverhältnisse haben", eine, wenn man so will, "alte" Fragestellung, zeigt laut Görg soziale Ungleichheitsverhältnisse auf. Auch die Debatte zwischen Katharina Pühl und Ariane Brenssell kann nicht oft genug geführt werden, weist sie doch darauf hin, wie fundamental Geschlechterverhältnisses gesellschaftliche Organisationsformen bestimmen. Manuela Bojadzijev, Serhat Karakayali und Vassilis Tsianos zeigen, dass MigrantInnen jeglicher Aufenthaltsstatusse sozial, politisch und ökonomisch bereits jetzt Teil nationalstaatlicher Gesellschaften sind, wiewohl der herrschende Diskurs sie außerhalb der Gesellschaft verortet oder ihre Kämpfe und Lebensweisen verschweigt. MigrantInnen bringen den rassistischen Repressionsformen einen eigenen Widerstand entgegen. Dass der seit 11/09 geführte Diskurs über Sicherheit entdemokratisiert und einen auf Verdacht handelnden "Präventionsstaat" hervorbringt, wird von Regina Brunnett und Stephanie Gräfe gezeigt. So können ganze Bevölkerungsgruppen ohne nachweisliche Regelverstöße kriminalisiert werden.
Auch Space//Troubles und Learning from*, die beiden bisher erschienenen metroZones-Bände, letzterer Katalog einer Austellung der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst in Berlin im letzten Herbst, widersetzen sich einer allwissenden und allumfassenden Theoriepolitik. Vielmehr graben sich die Autoren wie Maulwürfe in die Bauten der Städtepolitik. Nimmt Space//Troubles die Idee des Good Governance - des guten Regierens - unter die Lupe, widmet sich Learning from* der informellen Organisation innerhalb von Stadtgebieten. In beiden Fällen finden sie eine tiefe Kluft, die zwischen den wohlmeinenden Intentionen der formal-öffentlichen Diskurse und ihren Machtpraktiken auf der einen Seite und den gesellschaftlichen Konsequenzen daraus auf der anderen Seite entsteht. So wurde beispielsweise das Konzept des Good Governance von BürgermeisterInnen der weltweit dreißig größten Städte, von Nicht-Regierungsorganisationen sowie von VertreterInnen der Weltbank und IWF entwickelt. Es geht davon aus, dass allgemeiner Wohlstand durch die Wettbewerbsfähigkeit von Ländern des globalen Südens gesteigert werde, und Kommunen, Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft ihre Anstrengungen auf dieses Ziel richten sollen. Doch die Realität sieht anders aus, wie sämtliche Beiträge von Space//Troubles zeigen. Sichert der Staat die Marktfreundlichkeit und nicht den demokratischen Zugang zu Ressourcen, bilden sich Gewaltstrukturen. Die einen können sich darin, wie Stephan Lanz ausführt, ihre Sicherheit käuflich erwerben, indem sie entweder private Wachdienste oder paramilitärische Organisationen beschäftigen, oder Bündnisse mit VertreterInnen der Staatsgewalt wie Polizei oder Militär eingehen. Diesen eingekapselten Zonen der Sicherheit ständen Zonen der Unsicherheit gegenüber. Wo Selbstorganisierung der Aufrechterhaltung dieses Systems im Wege steht, wird sie - teilweise gewaltsam - unterbunden.
Learning from* kehrt wiederum die Perspektive um und zeigt, wie erfinderisch und effektiv ökonomische Strukturen sind, die sich jenseits von staatlicher Kontrolle bilden. Die Akteure dort beweisen Handlungsmacht, indem sie den Marktbedingungen entsprechend Ein-Personen-Unternehmen bilden. Ihre informelle Arbeit ist prekär und ungesichert, und sie ist die direkte Antwort auf eine neoliberale Politik, die von diesem Schwamm überflüssiger ArbeiterInnen profitiert. Trotzdem erlauben Organisierung und Solidarität einen Ausstieg aus der ökonomischen Unsicherheit, wie Elmar Altvater und Birgit Mahnkopf betonen. Nicht nur in diesem Beitrag zeigt sich, dass eine andere Welt möglich ist, solange Machtverhältnisse dynamisch bleiben. Dafür müssen sie aber zunächst benannt und analysiert werden - was die vorgestellten Bücher vortrefflich leisten. Doro Wiese

BUKO (Hg.): radikal global. Bausteine für eine internationalistische Linke. Assoziation A, Berlin 2003, 271 S., 16 EUR
Jochen Becker/ Stephan Lanz (Hg.): Space//Troubles.Jenseits des guten Regierens. Schattenglobalisierung, Gewaltkonflikte und städtisches Leben. b_books, Berlin 2003. 231 S., 12 EUR
Dies. (Hg.): Learning from*. Städte von Welt, Phantsamen der Zivilgesellschaft und informelle Organisation. Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin 2003. 246 S., 16 EUR

aus: Freitag 5/2004, 23.01.2004

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Wirklich radikal global?

Anmerkungen zu dem von der Bundeskoordination Internationalismus (BUKO) herausgegebenen Band "radikal global" Bis weit in die zweite Hälfte der neunziger Jahre hinein sah es so aus, als habe sich der Kapitalismus nicht nur weltweit durchgesetzt, auch Kapitalismuskritik, selbst reformistisch beschränkte, schien es nur noch innerhalb marginaler Zirkel zu geben. Sozialdemokratie und grünalternative Parteien, in Westeuropa die klassischen Träger reformistischer Politik, vollzogen spätestens dann, wenn sie wieder an die Regierung kamen, eine scharfe neoliberale Wende. In Schweden, dem einstigen sozialdemokratischen Musterland, geschah dies bereits zu Beginn der neunziger Jahre, in Frankreich, England und Deutschland in der Mitte oder gegen Ende des Jahrzehnts. Ein guter Teil der Basis und der Wähler dieser Parteien machten diese Wende in Zeiten der Krise und des Abbaus sozialstaatlicher Sicherungen nur teilweise und widerwillig mit. In der parteipolitischen Repräsentation des traditionellen politischen Spektrums klafft somit seit einigen Jahren eine erhebliche Lücke. Diese in vielen Ländern mehr oder weniger deutlich ausgeprägte Konstellation war für den relativ schnellen und breiten Erfolg der sogenannten globalisierungskritischen Bewegung - Erfolg gemessen am Bekanntheitsgrad, der Zahl der Aktivisten wie auch der relativ breiten Sympa-thie, die ihren Anliegen in der Öffentlichkeit entgegengebracht werden - von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Einerseits formuliert diese Bewegung eine Kapitalismuskritik, die in erster Linie an den negativen Auswirkungen des Kapitalverhältnisses ansetzt (wachsende soziale und ökonomische Ungleichheit zwischen Nord und Süd, Verarmung und Sozialabbau in den Metropolen) und stellt Forderungen auf, die innerhalb des vorhandenen kapitalistischen Rahmens als "machbar" erscheinen (Kontrolle der Finanzmärkte, "gerechte" Ordnung des Welthandels, kein Abbau des Sozialstaats). Andererseits versucht diese Bewegung aber gar nicht erst durch Gründung einer Partei, durch Wahlkämpfe, Gremien- und Parlamentsarbeit in einem ganz traditionellen Sinne politische Macht zu gewinnen, sondern will "soziale Bewegung" bleiben. D.h. mit ihren Inhalten und Forderungen setzen diese Bewegungen weitgehend an dem von den kapitalistischen Verhältnissen produzierten Alltagsbewusstsein an, der "Religion des Alltagslebens" (Marx). Darüber hinaus kommen sie mit ihrer offenen Organisationsstruktur und ihren mehr oder weniger phantasievollen Aktionen dem Misstrauen gegen Parteien und Berufspolitiker entgegen, das sich vor allem im letzten Jahrzehnt verstärkt entwickelt hat. In der radikalen Linken wurde die globalisierungskritische Bewegung recht unterschiedlich diskutiert: Zwar stellten nahezu alle Diskutanten eine verkürzte Kapitalismuskritik beim Mainstream der Globalisierungskritiker fest, für den strategischen Umgang mit dieser Bewegung wurden aber gegensätzliche Folgerungen gezogen. Während manche eine weitere Radikalisierung der Bewegung erwarteten und deshalb auf Mitarbeit setzten, sahen andere vor allem einen systemstabilisierenden Reformismus, den es kompromisslos zu bekämpfen gelte. Verschärft wurde diese Debatte angesichts des Irakkrieges und des israelisch-palästinensischen Konfliktes. Nun wurde im vergangenen Jahr vom BUKO (Bundeskoordination Internationalismus, früher einmal Bundeskongress entwicklungspolitischer Gruppen) ein Sammelband herausgebracht, der - wie in der Einleitung ausgeführt wird - "vor dem Hintergrund der sog. globalisierungskritischen Bewegung" der Selbstverständigung der "internationalistischen Linken" dienen soll, nachdem alte Gewissheiten über die Gültigkeit von Großtheorien oder privilegierte Orte der Befreiung verloren gegangen seien.
Dabei werden eine ganze Reihe der aktuell diskutierten Themen behandelt. Nach einem Einstieg, der sich (in Form einer E-mail-Diskussion) mit dem Zapatismus auseinandersetzt, gibt es fünf weitere Themenfelder: "Globalisierungskritik oder globale soziale Bewegungen", "Krieg und Frieden in der neuen Weltordnung", "Antirassismus - Migration - Sicherheitsgesetze", "Imperialismus oder Empire", "Israel, Palästina und die deutsche Linke". Der Gesamteindruck, den das Buch hinterlässt, ist, um dies gleich vorwegzunehmen - zwiespältig. Zwar werden relevante Themen angesprochen, häufig geht deren Diskussion aber nicht in die Tiefe. Es finden sich zwar eine Reihe lesenwerter Beiträge, zuweilen hören die Aufsätze aber auch auf, bevor es wirklich spannend wird. Zum Teil mag dies dem Versuch geschuldet sein, möglichst viel in das Buch hineinzupressen: wenn eine Diskussion und 17 Aufsätze auf ca. 250 Seiten untergebracht werden, bleibt für den einzelnen Text nicht viel Platz. Zum Teil hat man allerdings auch den Eindruck, dass den Autoren und Autorinnen nicht immer an allzu großer Zuspitzung oder zumindest grundsätzlicher Diskussion gelegen war. So ist die Auseinandersetzung mit dem Zapatismus vor allem von der Begeisterung der Diskutanten für diese Bewegung getragen. Aus der Perspektive von überzeugten Anhängern lassen sich dann höchstens taktische Fehler diskutieren. Was vielleicht grundsätzlich problematisch sein könnte an den zapatistischen Auffassungen von Neoliberalismus, indigener Identität etc. taucht als Thema nicht auf.
Einen recht "pädagogischen" Eindruck macht der für die nachfolgenden Debatten wohl als Grundlage gedachte Beitrag von Markus Wissen, Friederike Habermann und Ulrich Brand, "Vom Gebrauchswert radikaler Kritik. Perspektiven für eine gesellschaftsverändernde Praxis". Auf einer sehr allgemeinen Ebene wird versucht, die Vorteile und Ansatzpunkte "radikaler Kritik" darzustellen: sie bewahre vor Illusionen, stelle Formen von Politik in Frage etc. Man hat den Eindruck, als solle Otto Normalglobalisierungskritiker an die Hand genommen und ihm mit freundlichen Worten beigebracht werden, dass Radikalität gar nicht so etwas Schlimmes sei, wie ihm seine Eltern immer erzählt haben. Auf der anderen Seite muss dieser angehende Radikale aber vor den anderen Radikalen beschützt werden: Radikale Kritik bedeute nämlich, "soziale Bewegungen nicht mit dem abstrakten Vorwurf verkürzter Kapitalismuskritik zu konfrontieren, sondern das Radikalisierungspotenzial bzw. den utopischen Überschuss ›reformistischer‹ Forderungen auszuloten und in diesem Sinne an einer Weiterentwicklung von Bewegungspolitik mitzuwirken." (46) Nun gilt nicht für "verkürzte Kapitalismuskritik" sondern für jeden Vorwurf, dass er nicht viel bringt, wenn er "abstrakt" bleibt. Dass jeweils konkret deutlich gemacht werden muss, worin die verkürzte Kapitalismuskritik besteht und was ihre politischen Konsequenzen sind, ist entscheidend. Auch sollte dies in einer Weise geschehen, dass es die Kritisierten nachvollziehen können. Dass mancher Beitrag, der sich kritisch mit der globalisierungskritischen Bewegung auseinandersetzt, eher dem Abfeiern der eigenen Radikalität dient, als dem ernsthaften Versuch, einen anderen zu überzeugen, ist allerdings immer wieder zu beobachten. Insofern ist der Hinweis der Autoren, dass es nicht um "Denunziation" sondern um "argumentative Auseinandersetzung" gehen müsse, auch völlig berechtigt. Allerdings sollte diese argumentative Auseinandersetzung vor lauter Freundlichkeit bei den Inhalten der Kritik keine Abstriche machen. Wie sonst soll denn das geforderte Ausloten des "Radikalisierungspotenzials", von dem im obigen Zitat die Rede war, erfolgen, wenn nicht durch eine immer wieder erneute kritische und grundsätzliche Auseinandersetzung? Einen ebenfalls nicht unproblematischen Umgang mit globalisierungskritischen Bewegungen demonstriert Thomas Seibert in seinem "Plädoyer für eine post-avantgardistische Linke". Zwar nimmt auch Seibert viel Kritikwürdiges an den Globalisierungskritikern wahr, schmettert dann aber linke Kritik mit dem Argument ab, der "emanzipatorische Gehalt einer sozialen Bewegung" liege nicht in den "subjektiven Äußerungen und Einstellungen ihrer Teilnehmer, sondern in der objektiven Dynamik ihres Aufbruchs und ihrer Wirkung auf die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse" (65). Dieses von viel geschichtsphilosophischem Denken durchdrungene Argument, das sich über die Entwicklungsdynamik der Geschichte immer schon sicher ist, wird auch nicht dadurch besser, dass sich Seibert gleich danach auf ein Marxsches Frühwerk beruft, in dem ähnlich argumentiert wurde: die geschichtsphilosophischen Scheingewissheiten gehören bei Marx sicher zu den problematischsten Elementen seines Denkens. Zwar ist sich auch Seibert der historischen Katastrophen bewusst, die ein aus einer solchen Geschichtsphilosophie abgeleiteter Avantgardismus hervorbrachte, doch ablassen will er nicht davon: Ziel sei ein "Avantgardismus ohne Avantgarde". Wie dies aussehen soll, bleibt nebulös. Anregend ist der Beitrag von Andrea Nachtigall und Anette Dietrich zur "Funktion(alisierung) der Kategorie Geschlecht im Kontext von Krieg", der sich aus feministischer Perspektive mit Verkürzungen feministischer Diskurse zur herrschenden Weltordnung auseinandersetzt. Von einem der Selbstverständigung einer internationalistischen Linken dienenden Debattenband hätte man sich mehr solcher Texte gewünscht. Stattdessen wurden aber eher Chancen der Auseinandersetzungen vergeben. So wird zwar die für jede globale oppositionelle Bewegung zentrale Frage nach dem Charakter des gegenwärtigen kapitalistischen Weltsystems aufgeworfen. Allerdings erfolgt dies in einer von vornherein verkürzten Zuspitzung als "Imperialismus oder Empire?" (als ob es nur diese beiden Alternativen gäbe). Die beiden unter dieser Überschrift zusammengefassten Aufsätze liefern dann auch eher magere Ergebnisse. Katja Diefenbach kritisiert zwar zu Recht die "Romantisierung der Multitude in Empire", wünscht sich dann aber eine Theorie des Empire, die auf den "fröhlichen Operaismus" verzichtet - ohne jedoch die Frage aufzuwerfen, ob eine solche Subtraktion überhaupt möglich ist, ohne dass dabei das ganze (auch ansonsten nicht auf besonders starken Fundamenten ruhende) Gebäude zusammenstürzt. Bernhard Schmid bemüht sich dagegen um einen Rehabilitierung des Imperialismusbegriffs, wozu er zwischen dem analytischen Kern des Konzepts und aktuellen Zustandsbeschreibungen, wie man sie bei Lenin oder Luxemburg finden kann und die weitgehend überholt seien, differenziert. Was dann aber als nach wie vor wichtiger analytischer Kern festgehalten werden soll, die Existenz eines "internationalen Ausbeutungszu-sammenhangs", an dem auch ein bedeutender Teil der Abhängig-Beschäftigten in den imperialistischen Kernländern profitiert, bleibt vage. In welchem Sinne hier von Ausbeutung die Rede ist (Ausbeutung der Arbeitskraft, Ausbeutung im Sinne eines ungleichen Tauschs, Ausbeutung im Sinne eines Profittransfers) wird nicht weiter präzisiert (dass es zu all diesen Konzepten schon einmal in den siebziger Jahren eine breite Debatte gegeben hat, scheint inzwischen längst vergessen zu sein). Somit bleibt als Inhalt der erneuerten Imperialismustheorie nicht viel mehr übrig, als dass es ungleich mächtige Staaten gibt und dass sich die mächtigen ökonomische Vorteile verschaffen. Als eigenständiges Thema völlig ausgespart blieb die Frage nach Staat und Demokratie. Zwar geht es in vielen Beiträgen immer wieder um die Bedeutung des Staates, inwiefern dieser aber als Adressat von politischen Forderungen in Frage kommt, in welcher Weise mit den demokratischen Institutionen umgegangen werden sollte, ob Demokratie ein bislang nur unvollkommen realisiertes Ideal ist, an dem man die wirklichen Institutionen messen kann, oder ob es sich um einen Mechanismus von Konsensbildung und Herrschaftsausübung handelt - derartige Fragen, die keineswegs nur von akademischem Interesse sind, werden aber nicht einmal aufgeworfen. Staatskritik (die etwas anderes ist als Kritik an der Politik der jeweiligen Regierung) ist auch in der radikalen Linken kein besonders beliebtes Thema. Aber gerade wenn es um die Einschätzung der globalisierungskritischen Bewegungen und dem Verhältnis zu ihnen geht, ist immer auch ein bestimmtes Staatsverständnis unterstellt - ob man dieses Staatsverständnis nun herausstellt oder nicht.
In all seinen Mängeln ist das Buch Ausdruck des gegenwärtigen Zustands der Linken. Selbstverständigungsprozesse in unterschiedlichen inhaltlichen Bereichen und über eingeschliffene Diskursrituale hinweg anstatt der immer wieder erneuten Bestätigung der eigenen Position wären dringend notwendig. Das vom BUKO herausgegebene Buch versucht zumindest solche Prozesse anzuregen. Diese Anregung sollte aufgenommen werden.

Michael Heinrich (Mitglied der Redaktion von PROKLA, Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft) in phase 2.11, Frühjahr 2004

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Die Agenda der neuen sozialen Bewegung lässt wenig Zeit für Reflexionsprozesse über Selbstverständnis, Positionierung und Praxis. Trotzdem wird sie bereitwillig von den Eliten analysiert und als gewalttätig, antimodern oder Zitat der 68er Bewegung denunziert. Nicht weniger zurückhaltend sind Fraktionen innerhalb der „Linken“ die sich aus dem Elfenbeinturm an die Bewegung wenden und in ihrem Wahrheitsanspruch an religiöse Gruppen erinnern. Demgegenüber bietet die BUKO (Bundeskoordination Internationales/Deutschland) mit ihrem Sammelband: „radikal global“ einen wichtigen Beitrag zur Verständigung innerhalb und über die Bewegung. Auf 271 Seiten werden zentrale Fragen der Bewegung verhandelt; Globalisierungskritik, globale soziale Bewegungen, Krieg und Frieden in der neuen Weltordnung, Antirassismus und Migration, Imperialismus oder Empire, Israel, Palästina und die deutsche Linke. Dabei vertreten die 30 AutorInnen einen Blickwinkel, der auf Erfahrungen aufbaut: z.B. in Bezug auf die globalisierungskritische Friedensbewegung – ohne sie in ihren konkreten Verlaufsformen unkritisch zu affimieren. „Uns geht es darum, die Einflussnahme auf staatliche Politik als zentrale strategische Orientierung in Frage zu stellen. Nötig ist ein klares und bewusstes „Nein“ – ein „Ya basta!“ –, das die herrschende Alternativenlosigkeit erschüttert und jene produktive Unruhe herstellt, unter der sich neue Formen von Politik entwickeln können.“ Damit skizziert das AutorInnenkollektiv einen Baustein für eine emanzipatorische internationalistische Linke. lob

lob für Österreichische HochschülerInnenschaft - Bundesvertretung

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Nähe und Distanz
Wie verhält sich die Linke zu den "no globals"?

Der Internationalismus, die Kritik des Imperialismus an der Ausbeutung der Dritten Welt, das war einmal eine Paradedisziplin der deutschen Linken. Schon vor der Wiedervereinigung versiegte das Engagement, versickerte die Bewegung in Dritte-Welt-Läden. Innerlinks wurde dieses Feld glücklicherweise von der Vernunft eingeholt, d. h. kritisiert: weil die nationalen Befreiungsbewegungen, waren sie erfolgreich oder nicht, sich über kurz oder lang als überaus repressiv entpuppten; wegen des regressiven Bedürfnisses nach "Identität", "Authentizität" und letztlich völkischer Geborgenheit, die die diversen Solidaritätsbewegungen bei ihren revolutionären Subjekten suchten; wegen des manichäischen und verschwörungstheoretischen Weltbildes des Antiimperialismus, der per Umweg über den Anti-Amerikanismus sehr schnell da landete, wo es ihn nach eigener Logik (wenngleich im Einzelfall nicht beabsichtigt) hinzog, zum Antisemitismus, der an den Interventionen im Nahostkonlikt immer wieder manifest wurde und wird.

Mit der globalisierungskritischen Bewegung wurde der Internationalismus plötzlich wieder ungemein populär, aber die, die ihn auch in mauen Jahren weiterverfolgt hatten, stehen außen vor. Die "Bundeskoordination Internationalismus", kurz BUKO, ist eine davon. Bei den gegenwärtigen "no globals" spielen sie keine Rolle. Mit der Aufsatzsammlung "radikal global" versuchen sie, sich wieder ins Gespräch zu bringen und gleichzeitig auf Distanz zur Bewegung zu gehen. Die Themenfelder werden aktualisiert, man kann nachlesen, was man über Neoliberalismus, Krieg, Geschlechterverhältnis, Migration, Ökologie, die Aktualität des Imperialismusbegriffs usf. wissen sollte.

Auch sie verspüren ein Unbehagen an dem, was an ihnen vorbeizog und sie haben aus ihrer Vergangenheit gelernt. Sie kritisieren den Antiimperialismus und den Anti-Amerikanismus, - aber vorzugsweise, weil er nicht vor der eigenen - europäischen - Tür kehrt (Michael Hahn), weniger wegen seines ideologischen Gehalts an sich. Sie resümieren die linke Rezeption des Nahostkonfliktes kritisch (Jörg Später), fürchten aber auch, es sei nun "keinerlei Kritik am Staat Israel mehr möglich" (Moe Hierlemeyer). Sie sind sensibel für "eine zu kurz greifende Kritik am Kapitalismus" auch in der Gegenwart und für die "Gefahr einer strukturellen Anschlussfähigkeit an antisemitische Stereotype." Aber gleich in dem Aufsatz, in dem einem (im Übrigen sehr onkelhaft) erklärt wird, was Kritik sei, wird vor zu scharfer Kritik gewarnt und angeregt, lieber "das Radikalisierungspotenzial bzw. den utopischen Überschuss 'reformistischer' Forderungen auszuloten und in diesem Sinne an einer Weiterentwicklung von Bewegungspolitik mitzuwirken." Kritik soll "radikal" sein und "kann einen wertvollen Beitrag leisten", aber bitte mit Maß. Wäre an den "no globals" doch nur der Reformismus zu kritisieren! Aber nicht nur der soll schöngeredet werden. "Widersprüche, die es zu politisieren gilt", findet man nicht nur beim Reformismus, sondern auch bei der "rassistischen Mobilisierung" in den Jahren 1990ff., die die Antideutschen laut Hierlemeyer leider mit "dichotomen Analysemethoden und vorschnellen Analogiebildungen verdeckten."

Eine solche Bewegungsbetrachtung kappt die Dialektik und wird zur Ontologie. Über das Potenzial kann man erst dann etwas sagen, wenn aus diesem Potenzial etwas geworden ist. Der BUKO aber weiß es immer schon vorher: Potenzial ist vorhanden und müsse nur herausgekitzelt und aufgepäppelt werden. Sie wollen nicht von dem ausgehen, wie es ist, sondern immer von dem, was nach ihren projektiven Wünschen daraus werden könnte. Der BUKO weigert sich, die "no globals" ernst zu nehmen: diese können nicht meinen, was sie sagen. Dies ist herablassender als die unterstellte "elitäre Selbstüberhöhung" der "Antideutschtümelei" (Thomas Seibert), auf die viele Beiträge zu sprechen kommen, auch wenn von der Überschrift her das Thema ein anderes sein sollte. Die Schärfe, die man bei ihrer Kritik an den "no globals" vermisst, holen sie bei der an den Antideutschen nach, leider meist falsch und unberechtigt. Die Bedeutungslosigkeit in Zeiten, wo das eigene Thema Konjunktur hat, treibt wohl an zur Flucht in ein Kollektiv gegen einen gemeinsamen Gegner.

Der gemeinsame Gegner und sein "erbarmungsloser Zorn" (Hierlemeyer) wurde vom AStA München im Mai 2003 zum Kongress "Spiel ohne Grenzen" versammelt. Hier sollte eine Bestandsaufnahme der "no globals" vorgenommen und Kritik geübt werden. Schon im Vorfeld kam es zu erregten Diskussionen bis hin zu Drohungen, und einige Geladene (u. a. Robert Kurz, Katja Diefenbach, Alex Demirovic) sagten ab, entweder weil ihnen zu unsolidarisch kritisiert wurde, oder weil man eine Versammlung von Bellizisten aufziehen sah.

Was die Globalisierung angeht - ist sie ein neues Phänomen oder nicht? gibt es sie oder ist sie eine Erfindung des Neoliberalismus? welche Rolle spielen die Nationalstaaten noch in ihr? -, so ist man sich uneins. Anders bei der Beurteilung der "no globals". Wer wissen will, was deren verschiedene Strömungen umtreibt und eint, woraus sich ihr Weltbild zusammensetzt, aus welchen Traditionen sie schöpfen, wohin es sie führen kann und wohin es sie schon geführt hat - wer also wissen will, wie die so genannte "verkürzte Kapitalismuskritik" und der Antisemitismus zusammenhängen, wieso weder diese Kritik noch der Anti-Amerikanismus noch alternative Geldmodelle das Kapitalverhältnis antasten; wer wissen will, wie banal "attac" ist, was Antonio Negris und Michael Hardts "Empire" taugt, wie unfriedlich die deutsche Friedensbewegung ist - der kann das hier nachlesen. Die Güte der einzelnen Beiträge schwankt - ein guter Einstieg ist es aber allemal.
Von Fabian Kettner
www.literaturkritik.de



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