radikal global
Bausteine für eine internationalistische Linke


Für die BUKO herausgegeben von
Theo Bruns, Moe Hierlmeier, Alexander Schudy und Markus Wissen (2003)
Assoziation A Verlag. ISBN 3-935936-18-4
272 Seiten. 16 Euro.



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Inhaltlicher Überblick


 
radikal global - Eine Einleitung

Theo Bruns

Debattenbände zum Internationalismus haben in diesem Verlag eine lange und herausgehobene Tradition. Genannt seien das 1992 veröffentlichte Buch Odranoel. Die Linke - zwischen den Welten, die Textsammlung zum Aufstand der Zapatistas, Ya basta! (1994), und die Essays des Buches Tarzan - was nun? Internationale Solidarität im Dschungel der Widersprüche (1997). Das Besondere der Beiträge von Odranoel lag in der autobiografisch gefärbten Selbstreflexion einer Linken, die noch stark vom weltweiten Aufbruch des Jahres 1968 und den trikontinentalen Befreiungskämpfen der 70er und 80er Jahre geprägt war. Etliche der AutorInnen hatten Jahre politischer Haft hinter sich oder waren von Berufsverbot und Kriminalisierung bedroht. Die Epochenwende von 1989/90 - für die symbolisch der Mauerfall und (für die internationalistische Linke) die Abwahl der Sandinisten stehen mag - lag erst kurz zurück und war in ihren vollen Konsequenzen noch nicht klar erkennbar. Das Tarzan-Buch war bereits stärker von den neuen Debatten um Antirassismus und Feminismus sowie den Auseinandersetzungen um den Nachhaltigkeitsdiskurs bestimmt und von dem Versuch einer Neubestimmung der Solidarität in unübersichtlicher gewordenen Zeiten getragen. Dazwischen lag der Ya-Basta-Band über die zapatistische EZLN, beschwingt von der Euphorie über das Auftauchen dieser gänzlich neuen, den Zeitgeist konterkarierenden Bewegung, die von einigen als erste "postmoderne" Guerilla des 21. Jahrhunderts enthusiastisch begrüßt wurde.

Etliche dieser Debatten waren in vielfältiger Weise mit dem BUKO verflochten, damals noch Bundeskongress entwicklungspolitischer Aktionsgruppen, heute in Bundeskoordination Internationalismus umbenannt. Die BUKO hat über die mittlerweile gut 25 Jahre ihres Bestehens stets die Fähigkeit bewahrt, einen politischen Raum zu organisieren, in dem Debatten kontrovers und weitgehend unsektiererisch ausgetragen werden können. Ihre Stärke liegt weniger in der - sehr bescheidenen - Fähigkeit zur Mobilisierung als vielmehr darin, Prozesse der Selbstverständigung innerhalb der internationalistischen Linken zu fördern. Über die Jahre ist sie zu einer kritischen Instanz der Bewegung geworden.

Für das vorliegende Buch übernimmt die BUKO nun auch formell die Herausgeberschaft. Es ist entstanden vor dem Hintergrund der sog. globalisierungskritischen Bewegung, die nach einem langen Bewegungstief seit den Gegenaktivitäten zu den Gipfeltreffen der Mächtigen in Seattle, Prag, Genua etc. und den europäischen und Weltsozialforen an Fahrt gewonnen hat.

InternationalistInnen teilen eine Grundüberzeugung: Freiheit ist nur unter Gleichen möglich, gilt für alle oder keinen. Sie soll nach Reinhard Mey grenzenlos sein, gedeiht nicht in (national-)staatlichen Gefängnissen und nährt sich vom alten Traum einer egalitären und solidarischen Weltgesellschaft. Internationalismus ist somit nicht mit Tiersmondismus oder einer Art revolutionärer Außenpolitik auf Grass-Root-Ebene zu verwechseln. Gerade in letzter Zeit bezieht er sich wieder stärker auf innergesellschaftliche Verhältnisse, Debatten um (Anti-)Rassismus und die Auswirkungen des globalen Neoliberalismus - Stichwort Hartz-Kommission - nehmen einen breiten Raum ein.

Viele alte Gewissheiten sind hingegen verloren gegangen. Es gibt kein historisches Subjekt der Befreiung und keine geschichtsphilosophisch begründete "Gesetzmäßigkeit" der Kämpfe mehr, keine "Hauptwidersprüche" und nur höchst unklare Vorstellungen über alternative Formen der Vergesellschaftung nach dem Bankrott des "realen" Sozialismus. Es ist heute weitgehend Konsens, dass Unterdrückung und Ausbeutung ein komplexes Netz unterschiedlicher Herrschaftsverhältnisse entlang der Spaltungslinien von Klasse, Geschlecht und Herkunft, aber auch von Gegensatzpaaren wie Alt und Jung, "fit" oder "behindert" bilden. Diese Verhältnisse sind in sich jeweils hierarchisch, durchdringen sich aber wechselseitig in widersprüchlicher Weise und verlaufen quer durch die Individuen hindurch. Daraus folgen einige systematische Konsequenzen.

Veränderung ist auf Bewegung angewiesen. Aber auch wer Veränderung "von unten" - und das ist ein unverzichtbarer sowohl "heuristischer" wie praktischer Blickwinkel - denken und entwickeln will, befindet sich nicht auf sicherem Grund. Der soziale Antagonismus existiert nur im Plural, verfügt über kein einheitliches Subjekt und kann sich auf kein per se "unschuldiges" oder aus sich heraus sozialrevolutionäres "Unten" stützen. Unterdrücktsein ist kein privilegierter Ort, dem die Tendenz zur Befreiung immanent wäre. Wie die Geschichte des Nationalsozialismus sowie zeitgenössische Prozesse der Selbstethnisierung und aggressiven Homogenisierung zeigen, gibt es reaktionäre, kontraemanzipative Revolten "von unten". Auch Basisbewegungen sind nicht frei von Hierarchien und konstituieren Herrschaft immer wieder neu. Dieses Buch vertritt so einen bewegungsbezogenen Blickwinkel - z.B. in Bezug auf die globalisierungskritische oder Friedensbewegung -, ohne sie in ihren konkreten Verlaufsformen unkritisch zu affirmieren.

Es gibt des Weiteren keinen archimedischen Punkt der (Gegen-)Macht, und soziale Veränderung konstituiert sich nicht primär über staatliches Handeln. Emanzipation hat kein historisch verbürgtes Fundament, sondern muss in einem ständigen Prozess neu gedacht, kontrovers diskutiert, erkämpft und überprüft werden. Soziale Bewegungen sind also Bewegungen begrenzter Reichweite. Dies beinhaltet die Absage an Machtphantasien jedweder Art, den Abschied vom "Neuen Menschen" sowie heroischen (Selbst-)Entwürfen. Die Epoche, für die in mancherlei Hinsicht die Figur des "Che" emblematisch war, ist unwiderruflich zu Ende gegangen.

Skepsis ist darüber hinaus jedem Typus von "Großtheorie" gegenüber angebracht, die vorgibt den Generalschlüssel zur Erklärung der Weltzustände in der Tasche zu haben. Die überwältigende Resonanz des Buches Empire von Negri und Hardt ist ein Indiz, dass es in der Linken ein ausgeprägtes Bedürfnis nach einer konsistenten Neubegründung des Widerstands und einer Leitlinie für die Protestbewegungen gibt. Darin ist die Gefahr einer Re-Ideologisierung enthalten. (Post- )Operaismus, Wertkritik, Regulationstheorie und Dekonstruktivismus kämpfen im linken Meinungsstreit um die pole position. Theoriebildung ist ein unverzichtbarer und orientierender Bestandteil gesellschaftsverändernder Praxis, aber jedem Denkentwurf haftet etwas Provisorisches und Hypothetisches an, und er ist daran zu bemessen, ob er den Blick auf die Wirklichkeit frei legt oder sie hinter einem hermetischen Begriffsgerüst eher zum Verschwinden bringt.

Wer dieses Buch liest, wird feststellen, dass die Debatte - im Vergleich z.B. mit dem Odranoel-Buch - in vielem differenzierter, aber auch "akademischer" geworden ist. Der überwiegende Teil der AutorInnen - und das gilt sicherlich auch für viele BewegungsaktivistInnen - schreibt gerade an universitären Abschlussarbeiten und/oder ist im Hochschul- oder publizistischen Bereich tätig. Dies ist weniger eine Frage subjektiver Entscheidungen denn Ausdruck einer gesellschaftlichen Tendenz und eines Generationenwechsels: Die Verweigerung von Berufskarriere plus begleitendem Konsumverzicht hat in einer zunehmend neoliberal geprägten Gesellschaft weder eine ökonomische Basis noch wird sie von einer sozialen Bewegung getragen - und hat so ihre Attraktivität gänzlich eingebüßt.

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Das Buch wird eingeleitet durch eine von Ulrich Brand moderierte E-Mail-Debatte über den Zapatismus und seine Resonanzen in der westeuropäischen Linken. Sie an den Anfang zu stellen ist eine bewusste Hommage an den nun fast zehn Jahre währenden Aufstand, der wie kaum ein anderer zur Neubestimmung der Linken beigetragen hat. Viele der aktuellen Debatten über ein anderes Politikverständnis, die Ablehnung der Staatsmacht als zentralem Vehikel sozialer Veränderung, aber auch ein anderes Verständnis von Zeit, das basisdemokratische Prozesse benötigen, sind diesem Anstoß zu einem neuen Denken und Handeln verpflichtet. Selbst das Motto der globalen Protestbewegung "Eine andere Welt ist möglich" ist dem zapatistischen Repertoire entlehnt. Die Kehrseite dieser Begeisterung ist allerdings, dass die konkreten Ereignisse in Chiapas längst wieder in den Hintergrund zurückgetreten sind.

Der erste Themenblock ist der so genannten globalisierungskritischen Bewegung gewidmet. "So genannt", weil diese Bezeichnung äußerst unglücklich und irreführend ist. Vielleicht zum ersten Mal seit 1968ff zeichnet sich am Horizont wieder eine weltumspannende Bewegung ab, die in wechselseitigem Austausch an einer gemeinsamen Debatte um alternative Gesellschaftsentwürfe und Formen der Emanzipation arbeitet, an einer Vernetzung der Widerständigkeiten. Eine "Globalisierung von unten" also, die nationale Grenzen und ethnische (Selbst-)definitionen sprengt, eine internationale und internationalistische Bewegung. Um diesen Gesichtswinkel zu akzentuieren haben wir uns - nach einigem Zögern - für den Buchtitel radikal global entschieden. Die Eingangsthesen von Markus Wissen, Friederike Habermann und Uli Brand sind in Bezugnahme auf die globalen sozialen Bewegungen ein Beitrag zur Rehabilitierung von Protest und zur Neudefinition radikaler Kritik. Sie formulieren ein entschiedenes Plädoyer, am Ziel der Gesellschaftsveränderung in emanzipatorischer Absicht sowie an einer umfassenden Herrschaftskritik festzuhalten. Herrschaftsverhältnisse sind aber nicht auf Zwang zu reduzieren, sondern werden durch das Handeln der Subjekte selbst reproduziert, sind in den Alltagspraxen der Menschen verankert und müssen deshalb auch im Alltagshandeln überwunden werden, durch Selbstveränderung, die die eigene Verstrickung in hegemoniale Muster hinterfragt. Damit ist das staatliche Politikmonopol ebenso in Frage gestellt wie der Lobby- und Expertendiskurs der NGOs. Die herrschende Alternativlosigkeit lässt sich nur durch produktive Unruhe von unten überwinden. Im Anschluss an die Thesen zeichnet Thomas Seibert in seinem Beitrag "The people of Genova" eine furiose Skizze der Neuen Linken in den vergangenen Jahrzehnten. Die charakteristischen Merkmale der neu entstandenen "Bewegung der Bewegungen" sieht er darin, dass diese den Internationalismus nicht zum Ziel, sondern bereits zum Ausgangspunkt genommen hat, sowie in der Bejahung der Heterogenität und Pluralität ihrer Bestandteile. Obwohl er die Autonomie der sozialen Bewegungen herausstreicht und für ein post-avantgardistisches Politikverständnis plädiert, beharrt er auf der grundlegenden "Differenz zwischen sozialen Bewegungen und der politischen Linken". Mit Kryptobolschewismus, wie ihn ein verstockter Bakunist aus der Herausgebergruppe witterte, hat dies wahrlich nichts zu tun.

Einem anderen Aspekt wendet sich Christoph Görg zu. Er geht der Frage nach, warum die sozialen Bewegungen das Thema Ökologie in letzter Zeit vernachlässigt und so den NGOs überlassen haben. Dadurch leisteten sie der neoliberalen Umdeutung der ökologischen Krise und ihrer Bearbeitung durch "Problemmanagement" im Rahmen des Nachhaltigkeitsdiskurses indirekt Vorschub. Da die globalen Machtverhältnisse aber in die "gesellschaftlichen Naturverhältnisse" immer schon eingeschrieben sind, wird der "Raum für gesellschaftliche Alternativen auch an der Frage von deren Gestaltung entschieden". Der Autor plädiert deshalb für eine kritische Wiederaneignung des Ökologiethemas durch die globalisierungskritische Bewegung.

Geschlechterverhältnisse als struktureller Bestandteil des neoliberal verfassten Globalisierungsprozesses sind Gegenstand des Artikels von Ariane Brenssell und Katharina Pühl. Auch wenn sie den Begriff "Patriarchat" durchaus unterschiedlich akzentuieren, sind sich die Autorinnen einig in ihrer Kritik an der konstitutiven "Strategie der Entnennung oder des strategischen Schweigens", durch die Geschlechterkonflikte unsichtbar gemacht werden. Dabei werden bestimmte Fragen - so der gesamte Bereich der Reproduktion und "Sorge-Ökonomie", aber auch andere lebensgestaltende Praxen oder der Bereich der Ökologie systematisch ausgeblendet, andere - männlich bestimmte - Subjektpositionen dagegen privilegiert. Im Widerspruch dazu fordern die Autorinnen, "feministische Perspektiven als selbstverständlichen Teil von Gegenwissen" in den Protestbewegungen zu verankern. Ihre Schlussfolgerungen zum Zusammenhang von Geschlechterverhältnissen und Kriegslogik leiten zum nächsten Themenblock über.

Der umfangreichste Teil dieses Bandes ist der Debatte um "Krieg und Frieden in der Neuen Weltordnung" gewidmet. Die Beiträge wurden einige Zeit vor dem Irakkrieg konzipiert und zumeist auch geschrieben. Die langfristigen Auswirkungen der alliierten Intervention auf die ganze Region sowie die Zukunft des Irak sind nach wie vor offen und nicht absehbar und werden auf dem Pfingstkongress 2003 der BUKO ein zentrales Thema sein. Die Herausgeber des Buches waren sich in der Ablehnung des Krieges, aber auch der Distanz zu bestimmten Strömungen und Argumentationsfiguren der Friedensbewegung einig. So war die bittere Kritik an der deutschen Linken seitens der irakischen Opposition, die darauf hinwies, dass "Saddams Frieden" für sie seit Jahren Krieg bedeutete, nur allzu berechtigt. Auch die internationalistische Linke hat - um ein Beispiel zu nennen - die Tatsache, dass die so genannte Anfal-Operation (1988) gegen die irakischen Kurden nach vorliegenden Schätzungen weit mehr "Verschwundene" zum Opfer hatte als alle südamerikanischen Militärdiktaturen zusammen, weitgehend ignoriert. Auch wer das viel zitierte Paradoxon Gremlizas - dass die USA womöglich "aus den falschen Gründen das Richtige" tun - anders als der konkret-Herausgeber beantwortet, bleibt von dem zugrunde liegenden Dilemma auch aus einer kriegskritischen Position heraus nicht verschont. In immer weniger militärischen Konflikten kann eine emanzipatorische Linke sich auf einer Seite der Kriegsgegner verorten und muss als "Dritte Partei" ihre eigenen Kriterien von Solidarität und Formen des Engagements entwickeln. Illusionen über den inneren Kern der Enduring freedom sind hingegen gänzlich unangebracht. Ernst Lohoff spürt in seinem Einleitungsbeitrag der inneren Logik der Neuen Weltordnung nach, die die Erde entgegen ihrer Verheißung sichtlich "nicht friedlicher, sondern unfriedlicher" gemacht hat. Bürgerkriegsstaaten und ethno-nationalistische Konflikte, Warlords und Plünderungsökonomien stehen nicht im Widerspruch zur Globalisierung der Marktbeziehungen, sondern sind ihr direkter Ausfluss. Und gerade die an weltzivilgesellschaftliche Vorstellungen angelehnte "Weltinnenpolitik" hat zu einer Verwilderung der internationalen Beziehungen geführt. Krieg und Ausnahmezustand drohen zum Normalzustand zu werden.

Hieran anknüpfend untersuchen Thomas Seibert und Alexander Schudy die Rolle der NGOs in den aktuellen Konflikten. Da die weltpolizeiliche Gewalt auf "humanitäre Beihilfe" angewiesen bleibt, drohen NGOs zu Herrschaftszwecken instrumentalisiert und letztlich "politisch und materiell zur Kriegspartei" zu werden. Sie werden Teil der Elendsverwaltung und häufig zur Sistierung der Flüchtlingsbevölkerungen im Kriegsgebiet herangezogen. NGOs geraten so entgegen der Neutralitätsfiktion selbst ins "Handgemenge". Auf dem Hintergrund der praktischen Erfahrungen von medico international plädieren die Autoren für eine Politisierung der Hilfsarbeit und die bewusste Parteinahme auf Seiten der Opfer und emanzipativen Oppositionskräfte.

Zwei Beiträge widmen sich feministischen Positionen zu Krieg und geschlechtsspezifischen Auswirkungen militärischer Gewalt. Anette Dietrich und Andrea Nachtigall betonen aus dekonstruktivistischer Perspektive die "diskursive Konstruktion von Männlichkeit und Weiblichkeit" im Krieg und wenden sich gegen die binäre Festschreibung von Geschlechteridentitäten. Insbesondere kritisieren sie den Rekurs auf die angebliche Friedfertigkeit von Frauen und das damit implizierte "heilende Prinzip Weiblichkeit". Ihre Kritik gilt in gleicher Weise der Instrumentalisierung von Frauenrechten zur Legitimation von Kriegen - dem feministischen Bellizismus - wie einem pazifistischen "Staatsfeminismus à la Schröder".

Einen deutlich anderen Akzent setzt Claudia Bernhard. Sie untersucht verschiedene Modelle patriarchaler Neuordnung an den Beispielen der USA, Europas und der arabischen Länder. Ihnen gemeinsam ist die Dominanz eines Männlichkeitsmodells, das auf der gezielten Förderung herrschaftsrelevanter Fähigkeiten wie Leistung, Konkurrenz, Stärke und Erfolg basiert. Demgegenüber sei "die Ablehnung eines Standpunktfeminismus völlig kontraproduktiv". Unter Anerkennung der differenten Identitätsentwürfe von Frauen in verschiedenen Ländern und sozialen Lagen sei die Entwicklung gemeinsamer feministischer Positionen und Forderungen weiterhin unabdingbar. Ein anderes heiß diskutiertes Thema der letzten Monate war der Antiamerikanismus. Wer geglaubt hatte, bei diesem Vorwurf handele es sich nur um eine propagandistische Unterstellung von Kriegsbefürwortern, wurde durch die Berichterstattung während des Irakkriegs, aber auch durch manchen Redebeitrag auf den Demonstrationen der Friedensbewegung eines Besseren belehrt. Dabei ging das klassisch deutsch-nationale, antiwestliche Ressentiment, wie es - erst hämisch, dann larmoyant - aus vielen Fernsehkanälen strömte, eine merkwürdige Allianz mit einem zum Affekt verkümmerten altlinken Antiimperialismus ein. Michael Hahn setzt sich mit dieser Spielart des Antiamerikanismus, der die Herrschaftsinteressen der "eigenen" Eliten ausblendet, in seinem Beitrag "Antiimperialismus der dummen Kerls" kritisch auseinander.

Seit dem zweiten Golfkrieg gibt es auch von linker Seite kriegsbefürwortende Positionen. Moe Hierlmeier zeichnet - in bewusster Abgrenzung zu den unsäglichen Polemiken, die den größten Teil der Debatte kennzeichnen - die Geschichte des Verhältnisses der Linken zum Krieg nach. Er unterscheidet im Wesentlichen zwischen zwei Typen der linken Kriegsbefürwortung: dem Menschenrechtsbellizismus, der in dem Diskurs einer Weltzivilgesellschaft verortet ist, und dem "antideutschen" Bellizismus, der sich über die Bedrohung Israels durch ein unterstelltes palästinensisches "antisemitisches Täterkollektiv" begründet. Beiden Bellizismen, in denen der Krieg mehr und mehr von der ultima zur prima ratio wird, gilt Hierlmeiers engagierter Widerspruch. Das dritte Kapitel des Buches beschäftigt sich mit den Themen von Antirassismus und Migration, Fragen, denen seit Anfang der 90er Jahre nicht zufällig eine zentrale Stelle innerhalb der internationalistischen Debatte und Praxis zugewachsen ist. Es ist die beunruhigendste Traditionslinie deutscher Politik, dass der Nationenbildungsprozess vom Kaiserreich bis heute stets von Antisemitismus und einer besonders aggressiven Abgrenzung gegenüber den "Fremden" und "Anderen" begleitet und geprägt war. Auch die Gründungsphase der Berliner Republik war von einem massiven Anwachsen des Rassismus überschattet - es sei nur an Rostock-Lichtenhagen, das erste offene Pogrom nach 1945, und die faktische Abschaffung des Asylrechts, aber auch an den Möllemannschen Appell an das antisemitische Ressentiment im letzten Wahlkampf erinnert. Die antirassistische Bewegung war so in vielem auch eine Abwehrbewegung.

Die öffentlichkeitswirksamste Kampagne der letzten Jahre war zweifellos "kein mensch ist illegal". Martin Rapp, der selbst jahrelang in diesem Zusammenhang aktiv war, formuliert in seinem Beitrag einen kenntnisreichen und im besten Sinne selbstreflexiven Abriss dieser Bewegung, ohne die Grenzen, an welche dieses Konzept gestoßen ist, zu verschweigen. Eine dieser Grenzen lag zweifellos darin, dass die antirassistische - und vorwiegend "weiße" - Linke es nicht vermocht hat, die Lebensrealitäten von Flüchtlingen in Deutschland umfassend zur Kenntnis zu nehmen.

Hier setzt der Debattenbeitrag von Manuela Bojad.ijev, Serhat Karakayali und Vassilis Tsianos an, die gemeinsam bei "kanak attak" aktiv sind. Sie stellen die Fixierung auf das "Asyl-Paradigma" in Frage und fordern eine Legalisierungskampagne für alle hier lebenden Migrantinnen und Migranten. Auf deren Alltagswirklichkeiten und -widerständigkeiten mit Nachdruck hingewiesen zu haben ist das große Verdienst ihrer Initiative. Die von ihnen formulierte "Autonomie der Migration", die sie gleichwohl in keiner Weise mystifizieren, ist nicht nur eine theoretische These, sondern Hinweis auf eine gelebte Realität - und der gemeinsame Kampf für "Rechte" eine unabweisbare Notwendigkeit.

In ihrer Analyse der in Folge der Attentate vom 11. September durchgesetzten neuen Sicherheitsgesetze weisen Regina Brunnett und Stefanie Gräfe nach, dass diese in hohem Maße rassistisch codiert sind und die Bevölkerung der Bundesrepublik in selektiver Weise betreffen. Insbesondere MigrantInnen geraten in das Visier eines generalisierten Verdachts. Das weitgehende Schweigen der Linken zu dieser Verschärfung der Rechtspraxis ist ein Reflex dieser Tatsache. In ihrer Untersuchung der Verkopplung von repressiven und kontrollierenden Machttechniken unternehmen die beiden Autorinnen darüber hinaus eine kritische Würdigung des Gouvernementalitätskonzepts von Foucault.

Der vierte Abschnitt des Buches behandelt die Reichweite und Erklärungskraft der Begriffe "Imperialismus" und "Empire". Bernhard Schmid und Katja Diefenbach haben sich auf dieses steini- ge Gelände der Debatte begeben und kommen in ihren Texten zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen.

Bernhard Schmid plädiert für die Beibehaltung eines - zeitgemäßen - Imperialismusbegriffs, der von den Verkürzungen, die u.a. in seiner Gleichsetzung mit der ökonomischen und militärischen Macht der USA bestehen, zu befreien wäre. Der Autor insistiert auf der grundsätzlich asymmetrischen und hierarchischen Gestalt des kapitalistischen Weltsystems, das auf einem Gefälle zwischen "im Weltmaßstab unterschiedlichen, differenzierten Niveaus" der Wertschöpfung und Ausbeutung beruht. Jedoch lässt sich das internationale Wirtschaftssystem nicht mehr als "binäres Gegensatzpaar von Zentrum und Peripherie" beschreiben, sondern eher als "Leopardenfell" mit Inseln der Entwicklung und des Reichtums in einem Meer von weitgehend abgekoppelten Armutsregionen. Da die strukturelle Ungleichheit im Weltmaßstab in historisch spezifischer Weise die länderinternen Klassenbeziehungen überformt und verzerrt, ist der Imperialismusbegriff auch von politisch-strategischem Belang: Angesichts von Tendenzen zum Wohlstandschauvinismus (gegen den "Ansturm der Armen") in den kapitalistischen Kernländern bleibt die Forderung nach "internationaler Solidarität" aktuell.

Katja Diefenbach setzt sich in ihrem Beitrag weniger mit "Empire" als Gegensatz zum klassischen Imperialismusbegriff auseinander, sondern widmet sich dem zentralen Kollektivsubjekt des Buches: der "Multitude" oder - in der deutschen Übersetzung - "Menge". Im Rückgriff auf die Metapher des "Engels der Geschichte" bei Benjamin, kritisiert sie die Positivierung und Vereindeutigung dieser Figur in Empire: "Die Multitude ist das Gute, und sie wird kommen." Sie wird als widerständige Subjektivität gedacht, der etwas spontan Proto-Kommunistisches anhaftet. Eine konservative Multitude, die z.B. Haider oder Schill wählt, ist in diesem Denken nicht vorgesehen. Gegenüber dem sich darin ausdrückenden operaistischen Optimismus beharrt sie auf der messianischen Tradition jüdischen Denkens, in dem "Glück" gerade nicht "geschichtsphilosophisch programmierbar ist", sondern als Unterbrechung des historischen Kontinuums - oder mit Blanchot: als "Aufruf zu einer Bewegung" - der Katastrophe abgetrotzt werden muss.

Wohl kaum ein Thema hat die deutsche Linke in den letzten Jahren in gleicher Intensität beschäftigt - und gespalten - wie die Frage des Israel-Palästina-Konflikts, wie kein anderes ist es von Ideologisierungen und Projektionen verformt und überfrachtet. Der Blick auf die realen Konfliktgründe und die Lebensrealitäten der unter ihm in beiden Gesellschaften leidenden Menschen wurde dabei weitgehend verschüttet. Eine Sichtweise zu ermöglichen, die Raum für wirkliche Empathie schafft, ist das Anliegen dieses abschließenden Teils des Buches. Dies setzt eine (selbst-)kritische Reflexion der alten "Palästina-Solidarität" voraus.

Jörg Später untersucht in seinem Beitrag die Rezeptionsgeschichte des Nahostkonflikts durch die deutsche Linke. Er kritisiert den Antizionismus der 68er-Linken, welche - vor der Folie eines internationalen Kampfzyklus - Israel einseitig als "Bollwerk des Imperialismus" wahrnahm und für die Palästinenser als Vertreter eines weltweiten antikolonialen Kampfes Partei ergriff. Dem korrespondierte eine Faschismusanalyse, die den Holocaust weitgehend ausklammerte. Im Ergebnis katapultierte sich die Neue Linke so in "revolutionärer Unschuld" aus der Verantwortung der deutschen Geschichte heraus und endete in einer Haltung erschreckender Indifferenz gegenüber den Überlebenden der Shoa. Jörg Später kritisiert aber auch eine sich als "antideutsch" apostrophierende Linke, welche den Konflikt in anderer Weise zur Fläche von Projektionen, die weitgehend dem spezifisch deutschen Kontext entstammen, macht und ihn so für heteronome Zwecke vereinnahmt. Hanno Loewy hat vor einem Jahr für die Zeit einen viel beachteten und diskutierten Essay unter dem Titel Blutiger Stillstand geschrieben, den er uns für dieses Buch ungekürzt und um einen aktuellen Nachspann erweitert zur Verfügung gestellt hat. Er wirft die Frage nach einer Solidarität auf, die nicht den jeweiligen Loyalitätsansprüchen und identitären Entwürfen folgt, sondern parteiisch ist für die Kräfte in beiden Lagern, die sich der desaströsen Eskalationslogik von Gewalt und Gegengewalt verweigern und für eine lebenswerte Zukunft in beiden Gesellschaften eintreten. Es ist in diesem Sinne eine Solidarität mit "Israel und Palästina", eine Stellungnahme "gegen Besatzung und Terror". Eine "Solidarität, die tatsächlich gebraucht wird. Eine Solidarität, die keine Angelegenheit der Juden der Diaspora alleine wäre, sondern eines jeden, der in Zukunft in einer offenen Welt ziviler Gesellschaften und nicht in einem Zellenblock ethnisch, ›kulturell‹ abgeschotteter Zwangsgemeinschaften leben möchte."

Damit ist über diesen Konflikt hinaus ein Mindestmaßstab formuliert, dessen Einlösung unabdingbar und Voraussetzung ist, um weiter greifenden Vorstellungen von Emanzipation überhaupt eine Chance zu geben.

* * *

Die Arbeit an diesem Buch, das vor einem Jahr konzipiert wurde, glich einer Achterbahn der Gefühle und reichte von kurzen Momenten der Euphorie bis zu Phasen tiefster Depression. Auch unseren Autorinnen und Autoren haben wir viel zugemutet. Alle haben wir mit Änderungswünschen überhäuft, einige Beiträge fielen aus, andere wurden komplett neu geschrieben. Wir danken ihnen allen für ihre Geduld und Kooperationsbereitschaft und hoffen, dass sich die Mühe letztendlich gelohnt hat.

Unser Dank geht auch an den BUKO-Arbeitsschwerpunkt Weltwirtschaft, der dieses Projekt unterstützt hat, sowie an Steffi Gräfe für ihren produktiven Beistand in allen Phasen der Buchproduktion und - wie immer - an Klaus Viehmann für die Gestaltung des Buchcovers. Und natürlich an die geplagten "Liebsten" unserer Männercombo, die uns - und unseren Stress - zum Schluss nur noch unter Aufbietung eines reichlich strapazierten Galgenhumors ertragen konnten.

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