»Globalisierung« scheint zur Großen Erzählung
des 21. Jahrhunderts zu werden.
Globalisierung ist aber kein richtungsloser Prozess. Schon seit Jahren versuchen
dominante
gesellschaftliche Kräfte, neoliberale Projekte gesellschaftlich zu
verankern. Zudem wird
seit einigen Jahren deutlich, dass offene Gewalt eine wichtiger werdende
Rolle im globalen
Kapitalismus spielt. Aber es gibt Risse und gegen-hegemoniale Strategien:
- die neuen internationalen Protestbewegungen der Weltsozialforen,
die regionalen Treffen,
die Proteste in Seattle, Genua und anderswo;
- die Kritik herrschender Nachhaltigkeit, die Konflikte um die Privatisierung
öffentlicher
Güter und die Inwertsetzung der Natur;
- die Debatten um Global Governance, die Rolle der Nichtregierungsorganisationen (NGO),
das Scheitern der WTO-Verhandlungen in Cancún und Walden Bellos Vorschlag
einer »De-Globalisierung«;
- die Suche nach neuen Formen radikaler Politik wie der glokale Widerstand der Zapatistas in Chiapas (Mexiko);
- aber auch die globalen sozialen Bewegungen in europäischen
Ländern (Attac etc.);
- Alternativen und die Diskussionen um eine »post-neoliberale Agenda«.
Ulrich Brand, Dr. phil., hat in Ravensburg, Frankfurt/Main, Berlin und Buenos
Aires Tourismus und Politikwissenschaft studiert. Er ist Assistent am Fachgebiet Globalisierung
und Politik, Universität Kassel, aktiv in der Bundeskoordination Internationalismus
(BUKO) und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats von Attac. Er ist Autor und Herausgeber
mehrerer Bücher über NGOs, soziale Bewegungen, Umweltpolitik und internationale
Politik. Derzeit arbeitet er an seiner Habilitation mit dem Arbeitstitel »Kritische
Theorie internationaler Politik«.
Rezension
Fragend voran
Uli Brand zu globalisierungskritischen Strategien
Von Peter Wahl
Fünf Jahre nach Seattle gibt es in der globalisierungskritischen
Bewegung eine intensive Diskussion über ihre strategischen Perspektiven.
Zwar ist es der Bewegung gelungen, die diskursive Hegemonie des Neoliberalismus
über weite Strecken zu brechen, dennoch kann die Herrschaftsseite
nach wie vor neoliberale Großprojekte wie Agenda 2010 oder die EU-Verfassung
durchziehen. Es droht der Bewegung ein Verlust an Motivation und Dynamik,
wenn es nicht gelingt, mit diesem Widerspruch produktiv umzugehen.
In dieser Situation kommt ein Buch wie das von Uli Brand genau richtig.
Brand ist Sozialwissenschaftler an der Uni Kassel und zugleich politisch
engagiert in der Bundeskoordination Internationalismus (BUKO) und dem
wissenschaftlichen Beirat von Attac Deutschland - ein „organischer
Intellektueller“ also.
Das Buch versammelt 16 Aufsätze, die meisten davon schon an anderer
Stelle veröffentlicht. In zwei Beiträgen zeichnen Ko-Autoren
mitverantwortlich, Brands Lehrer Joachim Hirsch in einem Beitrag über
den Zapatismus und Christian Görg bei einer Kritik des Nachhaltigkeitsdiskurses.
Außerdem wird ein Interview mit John Holloway und Ana Esther Ceceña
(beide den Zapatisten nahe stehende Intellektuelle) zum Aufstand in Chiapas
abgedruckt.
Die Themenpalette umfasst Artikel mit eher theoretischem Charakter, wie
eine regulationstheoretische Sicht auf Globalisierung und ein Überblick
über Poulantzas’ Staatstheorie, aber auch sektorspezifische
Themen wie Biopolitik im High Tech Kapitalismus und die Rolle von NGOs
dabei. Hinzu kommen ein Teil über die globalisierungskritische Bewegung
sowie der abschließende Block unter dem Titel „Alternativen.“
Er enthält die kritische Auseinandersetzung mit dem Global Governance
Diskurs, der Diskussion um öffentliche Güter und Walden Bellos
Konzept der Deglobalisierung. Das Buch endet mit dem Kapitel „Nach
dem Neoliberalismus – Perspektiven radikaler Veränderungen“,
in dem der Autor seine Sicht zu aktuellen Anforderungen an emanzipatorische
Strategie formuliert.
Das gemeinsame Band um die auf den ersten Blick etwas disparat erscheinende
Themenvielfalt erschließt sich im Lichte von Brands Grundkonzept:
auf einer grundsätzlich herrschafts- und kapitalismuskritischen Basis
bestimmen drei Hauptkoordinaten sein strategisches Denken:
- ein (neo)gramscianischer hegemonietheoretischer Ansatz, wie er
bereits im programmatischen Titel sichtbar wird,
- ein an Poulantzas angelehnter Begriff von Staat, wonach dieser
ein soziales Verhältnis ist, in dem sich die Kräfteverhältnisse
zwischen Klassen und Klassenfraktionen verdichten; angereichert mit Elementen
aus Althussers Theorie von den Staatsapparaten,
- die (nicht nur) zapatistische Konzeption von gesellschaftlicher
Transformation als offenem und permanenten Prozess der Veränderung
der Verhältnisse und der Selbstveränderung der Individuen,
Eine erlösende Revolution als finaler Umbruch findet in diesem Konzept
logischerweise keinen Platz. Ein Schlüsselsatz von Brand heißt:
„Es gibt keinen klaren Weg“. Dementsprechend wendet sich der
Autor mehrfach gegen „Masterpläne“ oder die „Magic
Bullet“, mit der auf einen Schlag Emanzipation verwirklicht ist.
„Preguntando caminamos“ - fragend gehen wir voran, ist stattdessen
die Devise.
Dieses Paradigma reibt sich natürlich an der auch in der Bewegung
vorhandenen Sehnsucht nach Rezepten, Stringenz, Gewissheit und Führung.
Es stellt höhere intellektuelle und moralische Ansprüche an
das Individuum. Gefragt ist nicht mehr der disziplinierte und der Sache
ergebene Parteisoldat, sondern ein hohes Maß an Reflektiertheit
und Autonomie. Zugleich werden Partizipation, Mitentscheidung, Demokratie
in den eigenen Reihen zu einem unverzichtbaren Element emanzipatorischer
Politik. Außerdem trägt dieses Politik- und Organisationsverständnis
dem generellen gesellschaftlichen Trend zu Individualisierung Rechnung.
Aber so sympathisch und zukunftsträchtig dieser Ansatz ist, so ist
seine Verwirklichung doch noch über weite Strecken Desiderat. Der
Weg dahin muss seinerseits Teil strategischer Überlegungen sein.
An dieser Stelle wäre es interessant gewesen, konkrete Versuche,
die Lücke zu überbrücken, zu diskutieren, z.B. jenes so
wichtige Element des Selbstverständnisses von Attac, das politische
Organisierung auch als Raum definiert, in dem politische Lernprozesse
ermöglicht werden.
Den hohen Anspruch an das Individuum formuliert Brand dann am Schluss
seines Buches noch einmal expressis verbis mit einem Begriff, dem er grundlegende
Bedeutung zumisst: „rebellischen Subjektivität“. Die
Formel hat sicher das Zeug dazu, in einigen Teilen der Bewegung Karriere
zu machen. Er strahlt nicht nur sprachlichen Glanz und Glamour aus, sondern
trifft auch auf ein zentrales Defizit: während es jede Menge Programme
und Vorschläge aller Art für Alternativen gibt, bleibt weitgehend
im Dunkeln, wieso noch immer viel zu wenige sich aktiv dafür einsetzen,
obwohl das „Irgendwie bin ich auch dagegen“ inzwischen allenthalben
auf absolute Mehrheiten kommt.
Genau hier aber liegt gegenwärtig die entscheidende Crux emanzipatorischer
Politik: es fehlt allen der Zugang zu jenem Konglomerat aus Konformismus,
Angst, Egozentrik, Unaufgeklärtheit und Lethargie, das das Verhalten
so vieler Menschen beherrscht. Solange dies nicht aufgebrochen wird, bleiben
auch die brillantesten Analysen und noch die plausibelsten Alternativen
wirkungslos.
Allerdings ist es höchst zweifelhaft, dass mit dem Begriff der „rebellischen
Subjektivität“ das Problem adäquat bearbeitet werden kann.
Denn zum einen ist Rebellentum gemessen am Alltagsbewusstsein eine bereits
recht weit entwickelte Haltung, zum anderen enthält sie einen Überschuss
an Unpolitischem, an Robin Hood und Schinderhannes, der einem avancierten
Leitbild emanzipatorischer Individualität nicht genügen kann.
Stattdessen wäre nach den Hebelpunkten zu suchen die – horribile
dictu -anschlussfähig an das Alltagsbewusstsein sind, aber natürlich
zugleich darüber hinausweisen.
Annäherungen dazu finden sich bei Brand selbst, etwa dort wo er Elemente
einer Methode zur Identifikation (gegen)hegemoniefähiger Themen anspricht.
Solche „Einstiegsprojekte“, wie er das nennt, müssen
wichtige Probleme aufgreifen, realistische Durchsetzungschancen besitzen,
weiterreichende Veränderung ermöglichen und - mobilisierungsfähig
sein. Bei letzterem liegt der Hase im Pfeffer. Die ersten drei Kriterien
sind relativ einfach zu erfüllen. Wodurch aber entsteht Mobilisierungsfähigkeit?
Hier kommt dann eine Menge Unterprobleme auf, z.B. der Vermittlungsformen
und deren kulturelle Dimensionen. Oder die Frage nach dem Akteur –
es reicht nicht, dass ein richtiger Gedanke geschickt formuliert ist,
von Belang ist auch wer es tut. Hieran wiederum hängt die Frage nach
der Rolle von bestimmten Organisationen und/oder Persönlichkeiten
rsp. Promis.
Das Konzept der „Einstiegsprojekte“ ist auch insofern attraktiv,
als sich damit die Vermittlung von tages- und realpolitischen Schritten
und langfristigen Perspektiven bewerkstelligen ließe, ein Dauerbrenner
in sozialen Bewegungen.
Leider bleibt das Buch manchmal kurz vor der Konkretisierung dieser spannenden
Themen stehen, bzw. streift sie nur kursorisch. Hier bleibt vieles zu
vertiefen und systematischer zu bearbeiten. Dazu gehört auch das
Thema der Binnenstrukturen einer Bewegung, des Verhältnisses der
einzelnen Akteure untereinander, Konkurrenz und Kooperation, oder die
Frage wie bewegungsintern (Gegen)Hegemoniefähigkeit auf möglichst
demokratische Weise hervorgebracht werden kann.
Einer Präzisierung bedarf auch die Diskussion um Organisationskonzepte,
etwa Netzwerke gegenüber den klassischen Repräsentativstrukturen
und die dazugehörigen Entscheidungsverfahren, insbesondere das unter
Bedingungen politischer, ideologischer und kultureller Diversität
so zentrale Konsensprinzip.
Trotz dieser und noch anderer Lücken ist dem Buch eine breite Rezeption
zu wünschen. Denn traditionell war Strategie immer ein Thema für
wenige, für Anführer und Politbüros. Das ist schon im Begriff
selbst angelegt. Das griechische „strategos“ ist der Feldherr,
also einer der von seinem Hügel aus das Kampfgewimmel seiner und
der gegnerischen Truppen übersieht. Eine extrem hierarchische Struktur.
Aber wenn die Bewegung mit dem Anspruch auf Partizipation ernst macht,
dann muss auch die Strategiediskussion aus den Zirkeln heraus. Strategisches
Bewusstsein überhaupt und die permanente Reflexion der eigenen Strategie
müssen Thema breiter Debatten werden. Ein strategischer Kompass im
Kopf gibt Selbstbewusstsein und langen Atem. Der vorliegende Band ist
ein wichtiger Beitrag zur Aneignung – auch das ein Schlüsselbegriff
in Brands Denken - der Strategie in der Breite der Bewegung.
|