Exemplarisch veröffentlichen wir auf dieser Seite einige Berichte von internationalen Menschenrechtsbeobachtern und -Beobachterinnen, die von CAREA e.V. auf ihre Aufgabe vorbereitet wurden. Die Berichte aus den Gemeinden vermitteln einen ersten Eindruck von den Lebensverhältnissen der DorfbewohnerInnen und spiegeln die Erfahrungen der BeobachterInnen mit der dort vorgefundenen Situation wider.

Januar
Februar
März
April
September
Dezember
Ein ausführlicher Reise- und Fotobericht
findet sich unter
http://www.epo.de/specials/chiapas/index.html
Januar
Mein erster Einsatz als internationaler Menschenrechtsbeobachter mit der Menschenrechtsorganisation Fray Bartolome de las Casas aus San Cristobal hat mich zusammen mit einem weiteren Deutschen in die Naehe von Ocosingo gefuehrt. Die Gemeinde liegt im Osten des Bundesstaates Chiapas in einem Tal des Tieflandes auf 500 Metern Hoehe und am Rande der Selva Lacandona. Das Klima dort ist tropisch mit einem trockenen Winter und einer ausgiebigen Regenzeit im Sommer. Der Boden dort ist sehr fruchtbar und es wachsen viele tropische Fruechte. Die Menschen, die dort leben sind Indigenas, Nachfahren der Maya, und gehoeren zur Ethnie der Tzeltales.
Drei Stunden Fahrt sind es auf einem Pick-Up ueber eine staubige Schotterpiste bis zur naechsten Stadt Ocosingo. Direkt hinter Ocosingo passiert man eine riesige Kaserne der mexikanischen Armee deren riesige Bundesflagge sicherlich 20 Meter in den Himmel ragt und weithin die Anwesenheit des Heeres signalisiert. Ein weiteres Militaercamp befindet sich versteckt im Busch auf dem Weg in die Gemeinde. Bis vor kurzem gab es dort eine Strassensperre, die die Beobachter in einem mehrstuendigen Fussmarsch weitlauefig umgehen mussten. Der Ort liegt direkt an der Strasse die durch das Tal fuehrt und an einem grossen Fluss. Weiter Flussabwaerts liegen noch einige weitere Comunidades und grosse Militaercamps. Bis 1994 gab es keine Strasse und es waren 6 beschwerliche Stunden Fussmarsch durch die Selva bis zur naechsten Strasse. Fuer einen Besuch des Marktes in Ocosingo musste man mindestens 2-3 Tage einplanen. Die Strasse wurde 1994 von der Armee gebaut und 1995 von der mexikanischen Bundesarmee fuer die grosse Februaroffensive gegen die EZLN (Ejercito Zapatista de Liberacion Nacional) genutzt, in deren Zusammenhang auch die Militaercamps installiert wurden.
Im Dorf leben ca. 250 Menschen. Jede Familie hat ihre eigene Huette und ihr eigenes Stueck Land. Die meisten sprechen Spanisch, nur bei den Frauen ist das manchmal ein Problem. Im Fruehjahr letzten Jahres kamen 8 Fluechtlingsfamilien der Ethnie der Tzotziles aus dem Hochland dazu. Sie stammen aus der Bergregion im Norden San Cristobals und wurden von Militaers und Paramilitaers vertrieben. Sie erhalten einmal im Monat Lebensmittel vom internationalen Roten Kreuz. Die Comunidad wird auch einmal im Monat von einem Arzt des IRK besucht und hat einen Promotor de Salud, der aber keinerlei Medikamente zur Verfuegung hat. Die naechste Klinik ist nur mit dem Auto zu erreichen. Im Sommer gibt es grosse Probleme mit Malaria. Im Dorf sowie im ganzen Tal gibt es weder Strom noch fliessend Wasser. Zum Wasserholen, Waschen und Baden dienen ein Bach und der Fluss. Hauptsaechlich angebaut werden Bananen, Mais, Kartoffeln und Bohnen.
Im Zusammenhang mit ersten Auftauchen der EZLN im Januar 1994 und dem Beginn des Aufstandes haben die Bewohner das Land friedlich besetzt und den ansaessigen Grossgrundbesitzer vertrieben. Der betrieb dort eine Rinderzucht mit ueber 2000 Tieren. Zwei Kilometer vom heutigen Dorf entfernt steht die alte heute verfallene Finca, ein kolonialer Prachtbau mit riesigem Garten und ein krasser Gegensatz zu den Holzhuetten der Dorfbewohner. Vor 1994 haben die meisten der Dorfbewohner auf der Finca des Grossgrundbesitzers als Tageloehner gearbeitet. Die Arbeitsbedingungen waren mehr als schlecht. Fuer 9 Stunden Arbeit 6 Tage die Woche wurden 4 Mark Tageslohn bezahlt. Das Land auf dem die Leute gewohnt haben mussten sie vom Finquero pachten und in Naturalien bezahlen. Gab es eine schlechte Ernte so ist kaum was fuer die Familie uebriggeblieben. Zeit um das eigene Stueck Land zu bearbeiten, war nur Nachmittags nach einem anstrengenden Arbeitstag oder am Sonntag, dem einzigen freien Tag. Die einzige Moeglichkeit einzukaufen gab es im Laden der Finca zu ueberhoehten Preisen. Feste wurden vom Finquero ausgerichtet aber den Arbeitern spaeter vom Lohn abgezogen. So ist ein Grossteil dessen, was der Finquero als Lohn bezahlt hat, direkt wieder in seine Tasche geflossen. Eine Moeglichkeit diesem Kreislauf zu entkommen gab es so gut wie nicht, da diese Situation in anderen Gegenden Chiapas dieselbe war und es fast unmoeglich war, ein eigenes Stueck Land zu bekommen. Durch die kollektive Landbesetzung haben die Dorfbewohner ihre Situation entscheidend verbessert. Sie sind nicht mehr abhaengig vom Willen eines Grossgrundbesitzers und besitzen alle ihr eigenes Stueck Land.
Das Dorf ist Unterstuetzungsbasis der Zapatisten und eine autonome das heisst regierungsunabhaengige Gemeinde. Die Bewohner organisieren und verwalten das Dorf in Eigenverantwortung und fuehlen sich dem mexikanischen Staat gegenueber zu nichts verpflichtet. Dies ist die einzige Moeglichkeit ihre eigenen Ideen zu verwirklichen und ihre Kultur zu bewahren. Hilfe von der Regierung lehnen sie kategorisch ab. Dies haengt damit zusammen, dass solch eine Hilfe immer mit bestimmten Bedingungen und Auflagen verknuepft ist. Die Comunidad gehoert mit ca. 40(!) anderen zum Municipio Autonomo San Manuel (aehnlich unserer Verbandsgemeinden). Die Comunidades sind untereinander alle durch Funk verbunden und unterstuetzen sich gegenseitig. Jede Comunidad waehlt einen Delegierten fuer den Rat des Municipio Autonomo. Die Organisation des Dorfes ist basisdemokratisch und auf den allabendlichen Versammlungen wird ueber alles wichtige diskutiert und ueber die Belange des Dorfes entschieden. Sonntags nach der Messe gibt es eine Art Vollversammlung. Die Leute sind in der Mehrheit katholisch und erstaunlich religioes. Leider ist die Beteiligung der Frauen noch sehr gering. Ein gewaehlter Responsable vertritt die Comunidad nach aussen. Die Comunidad hat einen Gemeinschaftsladen und Land dessen Gewinne der Gemeinschaft zugute kommen. Ist die eigene Ernte schlecht so wird die Ernte der gemeinschaftlich bewirtschafteten Felder gleichmaessig auf alle aufgeteilt. Nachts gibt es Wachtposten an beiden Eingaengen des Dorfes um sich vor moeglichen Uebergriffen der Armee oder der Paramilitaers zu schuetzen. Der mexikanische Staat kennt die autonomen Gemeinden nicht an und bezeichnet sie als Versuch sich vom Staat abzuspalten. Fuer die Leute der Ethnie der Tzeltales geht es darum, ihre Identitaet zu wahren, die ihnen immer noch von der mexikanischen Verfassung verweigert wird. Die Autonomie schliesst auch die Selbstorganisation der Schule mit ein. Zwei Maenner des Dorfes sind Promotores de Educacion und unterrichten in 2 Gruppen die 40 Kinder zwischen 7 und 10 Jahren. Sie werden dafuer von der Gemeinschaft unterstuetzt. Der Unterricht findet im Gegensatz zu den staatlichen Schulen zweisprachig in Spanisch und Tzeltal, sowie in Tzotzil statt. Ausser ein paar Tischen und Baenken und einer Tafel gibt in der Schule keine Buecher und kein Material. Die Kinder sind fuer die Materialien auf die Hilfe von aussen angewiesen. Gerade ist ein Schulprojekt einer spanischen Organisation zu Ende gegangen. Es wurden in einem Jahr Leute aus den zapatistischen Gemeinden der Gegend zu Promotores de Educacion ausgebildet und autonome Schulen aufgebaut. Bei unserer Ankunft als Beobachter im Dorf mussten wir uns ausweisen und ein Empfehlungsschreiben der Organisation in San Cristobal vorzeigen. Wir waren per Funk angekuendigt worden. Untergebracht waren wir auf dem Grundstueck einer Familie in einer kleinen Huette. Dadurch das wir auch deren Kueche mitbenutzt haben, hatten wir sehr viele Kontakte zu ihnen und haben viel ueber ihr taegliches Leben erfahren. Unsere Aufgabe war vor allem die Militaerkonvois und Patrouillen die fast taeglich durchs Dorf gefahren sind zu protokollieren. Anfaenglich haben wir uns immer offen gezeigt. An die Grenzen dessen, was wir uns als Auslaender erlauben duerfen, sind wir gestossen, als wir versucht haben einen Konvoi zu fotografieren. Wir wurden aufgefordert die zu unterlassen aber die Dorfbewohner haben die Militaers zum weiterfahren aufgefordert, da sie diesen nicht das Recht geben im Dorf anzuhalten. Daraufhin haben wir uns lieber vor der Armee versteckt. Wichtig fuer die Bewohner ist auch das psychologische Schutzgefuehl durch unsere Anwesenheit. Waehrend der 2 Wochen haben wir keinerlei Aktivitaeten von Paramilitaers und anderen staatlichen Kraeften beobachtet. Das Leben mit der Gemeinde verlief sehr harmonisch. Wir hatten viel Zeit uns mit den Kindern zu beschaeftigen, die dies dankbar angenommen haben.
Februar
Der Weg in die Gemeinde:
Die Gemeinde liegt ungefähr 1 ½ Autostunden noerdlich von San Cristobal in den Altos (Hoehen) von Chiapas. Auf dem Weg kamen wir auch an Acteal, dem Ort des Massakers von 1997 vorbei, bei dem 45 Menschen brutal ermordet wurden. Das Gebiet erscheint auch heute noch stark militarisiert, obwohl ja der neue Präsident Mexicos, Vicente Fox versprochen hat, die militärische Präsenz in Chiapas zu reduzieren. Auf keiner meiner vorigen Reisen durch Chiapas bin ich an so vielen Militärcamps und Kontrollpunkten vorbeigekommen. Zusätzlich kamen uns ständig Soldaten auf gepanzerten Jeeps, der Sorte "Hummer" aus US-amerikanischer Produktion und Lastwagen von Mercedes-Benz entgegen, bewaffnet mit dem deutschen Armeegewehr "G3" von Heckler und Koch.
Die Gemeinde ist nur über einen schmalen Trampelpfad zu Fuß zu erreichen, für den wir mit unseren schweren Rucksäcken etwa eine ¾ Stunde gebraucht haben. Auch direkt an diesem Pfad liegt ebenfalls ein Camp der mexikanischen Bundesarmee, die so alle Personen, die sich zwischen der Gemeinde und dem nächsten Ort an der Strasse bewegen, kontrollieren kann. Als wir ins Dorf kamen und auch auf unserem Rückweg, wurden wir allerdings nicht angehalten, sondern lediglich unser "Buenos Dias" freundlich erwidert. Die Gemeinde hat heute etwa 700 Einwohner, von denen der größte Teil Flüchtlinge aus Dörfern der Umgebung sind. Sie alle gehoeren zu der Organisation der "Abejas" (Die Bienen).
Die "Abejas"
Als Organisation der mexikanischen Zivilgesellschaft kämpfen die Abejas mit gewaltfreien Mitteln für einen gerechten und würdevollen Frieden in Chiapas. 1997 wurden bei dem Massaker von Acteal 45 ihrer Mitglieder, die meisten Frauen und Kinder, brutal von Paramilitärs ermordet.
Die Geschichte der Organisation beginnt 1992 nach einem Familienstreit über ein vererbtes Stück Land in der Gemeinde von Tzanembolom im Bezirk Chenalho. Die dortige Dorfversammlung entschied, daß das Land in gleichgroßen Stücken an die hinterbliebenen Kinder vergeben werden sollte. Einer der Erben begann dann aus Unzufriedenheit über diese gemeinschaftliche Entscheidung, die Gemeinde mit einer Gruppe von Freunden aus anderen Dörfern mit Gewalt zu bedrohen.
Als Antwort darauf beschlossen die Einwohner von Tzanembolom mit anderen Gemeinden eine Organisation zu gründen, um sich im Falle eines Angriffs verteidigen zu können. Am 9 Dezember 1992 trafen sich die Vertreter der Gemeinden in Tzajalchen zur Gründungsversammlung der bis dahin aber noch namenlosen Organisation der Abejas. Nach diesem Treffen wurden drei Personen angegriffen und angeschossen. Einer starb und zwei wurden schwer verletzt. Statt die Verantwortlichen zu verhaften, nahmen die Behörden fünf Personen fest, die vorher an dem Treffen teilgenommen hatten. Sie wurden ins Gefängnis nach San Cristobal gebracht.
Am folgenden Tag organisierten die Abejas einen Protestzug nach San Cristobal, aber immer noch ohne Namen für ihre Vereinigung. Während dem Zug wurden sie immer wieder von Pressevertretern nach dem Namen ihrer Organisation gefragt, konnten aber keine Antwort geben. Alle paar Stunden haben sie dann darüber beraten und erst kurz vor San Cristobal kamen sie auf die "Abejas". Sie erklären den Namen folgenderweise: Sie seien eine Vielzahl an Personen und wollten genauso wie die Bienen ihren Bienenkorb bauen, wo sie gemeinschaftlich arbeiten und Honig für alle produzieren können. Die Biene sei zudem ein kleines Tierchen, das aber stechen kann. Der Kampf der Abejas sei ein Kampf kleiner friedlicher Stiche.
Nach dem eintägigen Fußmarsch nach San Cristobal organisierten sie dort für mehrere Tage eine Mahnwache vor dem Gefängnis und Demonstrationen in der Stadtmitte, um die Unschuldigen aus dem Gefängnis zu befreien. Nach 27 Tagen sahen sich dann die Behörden veranlaßt, die Verhafteten aus Mangel an Beweisen freizulassen. Während dieser langen Zeit erhielten die Abejas Hilfe und Unterstützung von anderen Organisationen der Zivilgesellschaft, unter anderem auch vom Menschenrechtszentrum Fray Bartholme de las Casas, mit dem ich als Campamentista unterwegs bin.
Nach diesem Anfangserfolg fuhren die Abejas fort, sich zu organisieren. Heute gibt es Gruppen in 42 Gemeinden mit ca. 4.500 Mitgliedern, die große Mehrheit von ihnen ist katholisch. Ein Teil ihres Kampfes sind die Praktiken "zivilen Widerstands". Die Abejas zahlen keine Steuern an den Staat und akzeptieren gleichzeitig keine Hilfe vom Staat bis die Regierung die Abkommen von San Andres über indigene Rechte und Kultur anerkennt und es einen gerechten Frieden in Chiapas gibt.
Nach dem Beginn des bewaffneten zapatistischen Widerstand 1994 nahmen die Abejas am Verhandlungsort in San Andres an den "Friedensgürteln" teil. (Symbolischer Schutz der Friedensgespräche zwischen Regierung und EZLN durch Menschenketten um den Tagungsort) Die Abejas wurden aber nicht zu Zapatistas. Statt dessen entschieden sie, in der Zivilgesellschaft zu verbleiben, als ein anderes Standbein des Widerstands neben der EZLN. Sie befolgen keine Befehle der EZLN und kämpfen mit friedlichen Mitteln, statt mit Waffen. Die EZLN akzeptiert den Weg der Abejas, sie hätten die gleichen Ziele, aber unterschiedliche Wege, diese zu verfolgen.
Die Mitglieder der Abejas schrieben im Folgenden "Zivilgesellschaft - neutrale Zone" auf ihre Häuser und hißten an ihnen weiße Friedensflaggen. Neutral bedeutet für sie, nicht Teil der Gewalt zwischen den Unterstützern der ehemaligen Staatspartei PRI (Partei der Institutionalisierten Revolution), den Paramilitärs und der Armee auf der einen Seite und der EZLN auf der anderen Seite sein zu wollen. Dies wurde aber von den "PRIistas" und den Paramilitärs nicht akzeptiert, es kam zu Vertreibungen, die Häuser der Abejas wurden angezündet und ihre Ernten vernichtet oder gestohlen. Viele der Flüchtlinge in der Gemeinde erzählten uns, daß sich in ihren Heimatgemeinden die Paramilitärs organisierten und Geld zu sammeln begannen, um Waffen und Munition zu kaufen. Dabei wurden sie vom damaligen Bürgermeister von Chenalho unterstützt, der dafür heute im Gefängnis sitzt.
Zum Teil wurden die Mitglieder der Abejas mit vorgehaltenem Gewehr bedroht, aus der Organisation auszutreten oder ihr Dorf zu verlassen. Die Mehrheit der Abejas mußte aus ihren Häusern und Gemeinden fliehen, als Resultat der Bedrohung, Verfolgung und Attacken durch paramilitärische Gruppen. Sie leben heute in verschiedenen Flüchtlingslagern.
Die Gemeinde
Unser Campamento lag in der Dorfmitte, am zentralen Dorfplatz, dessen überdachte Hälfte als Kirche und Versammlungsort genutzt wird. Die Häuser der Flüchtlinge gruppieren sich um diesen Mittelpunkt auf den umliegenden Hügeln, aufgeteilt nach ihrer Herkunft, wie kleine Viertel. Viele der Häuser haben lediglich Plastikplanen als Wände, was sich natürlich bei dem rauhen Höhenklima negativ auf die Gesundheit der Bewohner auswirkt. Ebenfalls große Probleme der Flüchtlinge in der Gemeinde sind:
- der allgemeine Platzmangel: praktisch alle Häuser mußten an Hängen erstellt werden, es gibt nicht genügend Anbauflächen in der näheren Umgebung,
- die Brennholzversorgung, große Bestände an Waldflächen wurden schon gerodet, die Leute müssen immer weitere Wege gehen, um Feuerholz zu sammeln,
- in Folge dessen sind viele Flächen von Bodenerosion betroffen,
- die Wasserversorgung und hygienische Situation ist ebenfalls bei weitem nicht ausreichend,
- Von der Mangelernährung (fast ausschließlich Reis, Bohnen, Mais) sind vor allem die Kinder betroffen, viele von ihnen haben aufgequollene Bäuche.Die Flüchtlinge erhalten monatliche Lebensmittelhilfen vom Internationalen Roten Kreuz, es gibt einen Posten des Internationalen Roten Kreuz (finanziert von der Europäischen Union) im Dorf sowie einen Arzt der "Medicos del Mundo", der jeweils 10 Tage pro Monat, Kranke versorgt und Jugendliche als Gesundheitsbeauftragte ausbildet.
Es gibt mehrere Schulräume, wo allerdings während unseres Aufenthalts in der Gemeinde, kein Unterricht stattfand, da gerade die Zeit der Kaffeeernte ist, wo alle Familienmitglieder eingespannt sind. Es gibt keinen Strom in der Gemeinde bis auf einige Solarzellen an 4 Häusern (Spenden anderer Organisationen). Im Dorf sind an fast allen Häusern weiße Friedensflaggen gehisst.
Allgemein sprechen die Leute, vor allem die Frauen und Kinder wenig spanisch, manche nur tzotzil, alle gehören zur Ethnie der Tzotziles. Anfangs war dies für uns etwas schwierig, da wir nur einige Worte auf tzotzil sprechen. Nichtsdestotrotz wurden wir herzlich von den Leuten aufgenommen, sie begegneten uns mit großer Freundlichkeit und Offenheit. Auch von anderen nationalen und internationalen Organisationen kommen immer viele Vertreter vorbei, zum Teil, um Schulunterricht zu organisieren oder jetzt gerade bei der Kaffee-Ernte zu helfen. So gibt es am Dorfplatz auch eine Gemeinschaftsküche für internationale Gäste, in der wir dreimal täglich Reis und Bohnen mit Tortillas zu essen bekamen.
Im Januar 1998 wollte die mexikanische Bundesarmee mitten im Dorf ein Militärcamp bauen. Sie behaupteten, sie wollen mit einer "sozialen Arbeit" den Leuten hier direkt im Dorf helfen und Medikamente und Hilfsmittel verteilen. Doch die BewohnerInnen wollten dies auf keinen Fall zulassen und vor allem die Frauen und Kinder haben die Militärs bis an den Rand des Dorfes gedrängt. Am darauffolgenden Tag konnten sie sie unter Anwesenheit eines großen Presseaufgebots nochmal ein Stück weiter weg drängen, an den Ort, wo heute das Militärcamp am Weg in die Gemeinde liegt. Von diesen Auseinandersetzungen gibt es sehr viel Bild- und Videomaterial, ein Pressefoto, auf dem ein Soldat von mehreren Frauen bedrängen wird, wurde extrem bekannt und steht heute symbolisch für den Widerstand der Frauen der Abejas. Im Dorfo gibt es ein "mural" (Wandgemälde, typische Art der Darstellung der mexikanischen Geschichte) ebenfalls von dieser Szene.
Bis heute verweigern die Flüchtlinge Hilfen von der mexikanischen Regierung. Sie wollen erst Gerechtigkeit und Frieden in ihren Heimatgemeinden, um dorthin zurückkehren zu können. Es gibt heute eine Koordinationsstelle, die "mesa directiva" in Acteal, die aus jeweils zwei Vertretern aus den 42 Abeja-Gemeinden besteht und mit der mexikanischen Bundesregierung und der Staatsregierung von Chiapas in Verhandlungen über die Rückkehr der Flüchtlinge steht.
Mit anderen Gemeinden der Abejas hat das Dorf eine Kaffee-Kooperative gegründet, die sich "Maya-Vinic" nennt. Uns wurde erklärt, die Abejas identifizierten sich eher als Nachfahren der Maya, Indigenas würden sie immer nur von anderen genannt. Die Kooperative hat einen großen Speicherraum für Kaffee in Acteal und bezahlt den Mitgliedern zur Zeit 8,- Peso (etwa 2,- DM) pro Kilo Kaffee. Dies ist immer noch fast doppelt soviel, wie andere private Ankäufer zahlen. Die Abejas akzeptieren diesen Preis als einigermaßen fair. Die Kooperative hat einige internationale Abnehmer für "fair gehandelten" Kaffee und existiert nun seit zwei Jahren.
Die Flüchtlinge
Im September letzten Jahres konnten einige Flüchtlinge aus der Gemeinde wieder in ihr ursprüngliches Gebiet zurrückgekehrt. Allerdings konnten sie nicht in ihr altes Dorf zurück, da dort immer noch die Paramilitärs aktiv sind. Sie haben statt dessen in einem kleinen Tal unmittelbar vor dem alten Dorf ein Gebiet urbar und bewohnbar gemacht und es "Neues Dorf" genannt. Wir hatten an einem Tag die Gelegenheit, das Dorf zu besuchen. Für den 1 ½ stündigen Fussmarsch dorthin haben die Flüchtlinge damals über 6 Stunden gebraucht. Sie haben alles Hab und Gut auf dem vom Regen total aufgeweichten und verschlammten Weg transportiert, sogar die Wellblechdächer und Holzbalken ihrer Häuser. Noch heute stehen in der Gemeinde einige Holzgerippe ehemaliger Häuser, die wohl aber auch noch abgeholt werden. Viele der Flüchtlinge haben die großen Baunägel beim Häuserbau nur zur Hälfte ins Holz geschlagen, um sie bei ihrer erhofften baldigen Rückkehr, leichter wieder herausziehen zu können.
Im "Neuen Dorf" haben sich die Leute mittlerweile eingerichtet. An den Hängen wurden Flächen für den Häuserbau und zum Kaffeetrocknen ausgehoben. Dazwischen führen kleine Wege und Treppenstufen im schweren Lehmboden durch das Dorf und die nahen kleinen Felder. Durch das Tal fließt ein kleiner Bach, dessen Wasser trinkbar ist, und der auch als Bad und Waschküche benutzt wird. Es gibt ebenfalls ein Campamento von Fray Bartolome de las Casas im Dorf. Viele der Wohnhäuser sind noch notdürftig mit Plastikplanen abgedeckt. Alle haben eine weiße Friedensfahne gehisst.
Es bleibt zu hoffen, daß auch die anderen Flüchtlinge in naher Zukunft in ihre Heimatgemeinden zurückkehren können. Dies bedarf aber langer Verhandlungen und einer beiderseitigen Einigung über einen gerechten Frieden für Chiapas.
März
Seit dem 11. Maerz 2001 ist nun die Comandancia der EZLN inklusive Subcomandante Marcos in Mexiko-City. Unter stuermischem Beifall von etwa 200.000 versammelten Menschen auf dem hauptstaedtischen Zocalo (Mittelpunkt in der kolonialen Stadtarchitektur) wurde die Karawane der Zapatisten an diesem Tag empfangen. Begleitet wurde die Delegation der EZLN von Mitgliedern verschiedener Organisationen der mexikanischen Zivilgesellschaft, Delegierten des 3. Nationalen Indigenen Kongress (Congreso National Indigena, CNI) und den internationalen Beobachtern der Karawane.
Nach der Ansprache der Comandantes der EZLN auf dem Zocalo fuhren wir gemeinsam zum Gelaende der UNAM (Universidad Nacional Autonoma de Mexico, mit rund 400.000 StudentInnen die groesste Universitaet der Welt) im Sueden der Metropole. Dort ist die Fuehrung der EZLN nun seither auf dem Campus der ENAH (Escuela Nacional de Antropologia e Historia) mit einigen internationalen Begleitern und den Delegierten des CNI untergebracht. Auf dem grossen Haupt-Campus der UNAM, vor der bekannten, mit einem riesiegen Wandmosaik verzierten Bibliothek ist der Rest der zapatistischen Karawane untergebracht. Hier haben sympathisierende Studenten ein "Aguascalientes" (zapatistisches Diskussions- und Versammlungsdorf) fuer uns errichtet, mit Podium und Buehne, Zelten zum Schlafen und einer Kueche. Der immer noch vom Studentenstreik besetzte Hoersaal "Che Guevara" wurde ebenfalls als Schlafraum umfunktioniert.
Seit der Ankunft der Comandancia hat jedoch noch kein offizielles Verhandlungsgespraech mit einer Delegation des mexikanischen Parlaments stattgefunden. Es gab bisher ein Zusammentreffen mit der CoCoPa (Comision de Concordia y Pacificacion, Vermittlungsinstanz zwischen der EZLN und der mexikanischen Regierung seit Beginn des bewaffneten Aufstands) und eine vielbeachtete Diskussionsrunde mit den Comandantes und Comandantas und Intellektuellen aus Mexiko und dem Ausland, unter ihnen der Soziologe Alain Touraine, Literatur Nobelpreistraeger Jose Saramago aus Portugal, der spanische Schriftsteller Manuel Vazquez Montalban sowie Danielle Mitterrand, die sich schon lange als Menschenrechtsaktivistin im Konflikt in Chiapas engagiert.
Die EZLN verlangt fuer die Wiederaufnahme des Dialogs fuer einen gerechten und wuerdevollen Frieden nachwievor die komplette Erfuellung ihrer drei Forderungen vom Dezember letzten Jahres an die neue Regierung, unter Praesident Vicente Fox sowie im mexikanischen Parlament angehoert zu werden. Jedoch bleibt noch immer der groesste Teil der politischen Gefangenen inhaftiert, und es verbleiben immer noch drei Militaerstellungen von den insgesamt sieben Camps, auf deren Abzug die EZLN besteht. Nach juengsten Presseberichten haben diese Militaerposten keinerlei strategische Bedeutung, es handelt sich also ausschliesslich um politische Motive, die Soldaten aus diesen Stellungen nicht abzuziehen.
Was die dritte Forderung der EZLN nach der Umsetzung der Vertraege von San Andres (Ergebnis der Friedensverhandlungen zwischen der mexikanischen Regierung unter Ernesto Zedillo und der EZLN von 1996, die aber nie umgesetzt wurden) betrifft, werden weiterhin verschiedene, zum Teil verwaesserte Versionen dieser Vertraege im Parlament verhandelt und diskutiert.
Im Bezug auf die Forderung der EZLN, im mexikanischen Parlament angehoert zu werden, sträuben sich vor allem die Abgeordneten der jetzigen Regierungspartei PAN (rechtskonservativ, christlich, wirtschaftorientiert) gegen ein Sprechrecht der Comandantes und Comandantas im Plenum des Parlaments. Auch bei der Organisation einer parlamentarischen Verhandlungsdelegation fuer ein Zusammentreffen mit den Zapatisten, um erste Schritte in Richtung Verhandlungen und Gespraechsmoeglichkeiten zu planen, legen die PAN-Abgeordneten eine gewisse Unflexibilitaet und Widerwilligkeit an den Tag.
Angesichts dieser Verzoegerungen und Schwierigkeiten fuer die Wiederaufnahme des Friedensdialogs hat Subcomandante Marcos am Donnerstag, dem 15. Maerz, angekuendigt, eine Delegation der EZLN zum Europaeischen Parlament Bruessel bzw. Straßburg schicken zu wollen. Nicht dass damit der auslaendische Druck auf das mexikanische Parlament und die mexikanische Regierung erhoeht werden solle, sondern lediglich in der Hoffnung, dort sprechen zu koennen, fuer den Fall, dass eine Anhoerung der EZLN im mexikanischen Parlament verweigert wird. In diesem Zusammenhang gab es ebenfalls an diesem Donnerstag schon ein Zusammentreffen zwischen der Fuehrung der EZLN und dem franzoesischen Abgeordneten Sami Nair vom sozialistischen Fluegel des Europa-Parlaments.
Es scheint, dass die meisten Abgeordneten der PAN derweil dabei bleiben: Keinerlei Zusammentreffen mit den Zapatisten im Plenum des Parlaments. Einige raeumen jedoch ein Treffen einer parlamentarischen Delegation mit der EZLN ein, aber auf keinen Fall Einlass ins Parlament fuer die Comandantes und Comandantas. Bis heute fehlt jedoch eine klare Aussage oder eine offizielle Stellungsnahme von Seiten der PAN-Fraktion.
Die Parteisprecher der Fraktionen des mexikanischen Parlaments und die Mitglieder der CoCoPa werden sich am Montag, dem 19. Maerz erneut zusammenfinden, um eine Vereinbarung ueber die weiteren Schritte und ein neues Format fuer den Dialog zu erarbeiten, die dann den Comandantes und Comandantas der EZLN vorgelegt werden koennen. Dem sowieso bereits erwarteten Verhandlungsmarathon geht also schon im Vorfeld der eigentlichen Gespraeche fuer einen gerechten und wuerdevollen Frieden fuer Chiapas ein Organisationsmarathon voraus.
Bericht von der Marcha:
Die letzten zwei Wochen, in denen ich am "Marsch" der EZLN von Chiapas nach Mexiko City als internationaler Begleiter teilgenommen habe, sind alles andere als einfach zusammenzufassen: Jeder einzelne Tag war angefuellt mit einer Unmenge an Ereignissen und Eindruecken, dazu kamen staendiger Zeitdruck und manchmal absolutes Chaos.
Der "Marsch", der sich am 27. Februar von San Cristobal de las Casas aus in Richtung mexikanischer Hauptstadt in Bewegung setzte, war zunaechst einmal ein Konvoi, bestehend aus Autobussen, Mini-Bussen, Pick-Ups und PKWs. An der Spitze fuhren stehts die 23 Comandantes und Comandantas des CRRI-CG (Geheimes Revolutionaeres Indigena-Komitee, General-Kommandantschaft) der EZLN (Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung) und Subcomandante Insurgente Marcos in einem eigenen Autobus. Dahinter folgten die Fahrzeuge der Organisatoren der Karawane, dann die Autobusse der mexikanischen und internationalen Zivilgesellschaft. Mit den unzaehligen unabhaengig organisierten Fahrzeugen von Sympathisanten, Presse und der mexikanischen Bundespolizei bildete sich ein mehrere Kilometer langer Treck. Insgesamt 1.600 Beamte der Bundespolizei waren zur "Sicherheit" der Karawane abgestellt. Staendig begleitete ein Polizei-Hubschrauber den Zug und die nicht wenigen Agenten in Zivil mit Video-Kameras interessierten sich insbesondere fuer die internationalen Teilnehmer.
Zudem wurde die Fuehrungsspitze der EZLN auf ihrem Weg nach Mexiko-City begleitet von Delegierten des 3. Nationalen Indigena-Konress, von einigen der aeltesten Zapatistas des Landes, die schon Anfang des 20. Jahrhunderts an der Seite von Emiliano Zapata kaempften, ausserdem von Vertretern der zivilen Basen der EZLN sowie der mexikanischen und internationalen Zivilgesellschaft, Menschen verschiedensten Alters aus allen Teilen Mexikos und der ganzen Welt. Nicht zu vergessen die zahlreichen Journalisten der nationalen und internationalen Presse, die "live" von der "Zapa-Tour" berichteten.
Die "Karawane der Wuerde und der Hoffnung" fuehrte auf mehr als 3.500 Kilometern durch 12 verschiedene mexikanische Bundesstaaten und damit unterschiedlichste Klima- und Vegetationszonen und verlangte den Teilnehmern viel Geduld beim langen Busfahren und eine gewisse Ruhe bei oft unklaren Uebernachtungs- und Verpflegungsmoeglichkeiten ab. Dafuer wurden wir aber oft genug durch begeisterte Empfaenge auf den verschiedenen Stationen entschaedigt: Hunderttausende Menschen empfingen die Karawane auf ihrer Route und drueckten mit ihrem Jubel ihre Unterstuetzung fuer die Forderungen der EZLN aus: "No estan solos!" (Ihr seid nicht allein!).
Hoehepunkte in dieser Hinsicht waren sicher die Aufenthalte in den kleineren Staedten wie Juchitan (Bundesstaat Oaxaca), Orizaba (Veracruz) oder Acambaro (Guanajuato), wo uns die Menschen mit einer unglaublichen Freundlichkeit und Grosszuegigkeit aufgenommen haben. Als wir beispielsweise mit unserem Bus am Donnerstag, dem 01. Maerz eine Motorpanne hatten und so den Anschluss an die Karawane verloren, sind wir nach der Reparatur nach Acambaro vorgefahren, wo die zweitletzte Station fuer diesen Tag geplant war, um dort wieder zur Karawane zu stossen. Allerdings hatte sich zuvor ein Unfall auf der Autobahn kurz vor der Millionenstadt Queretaro ereignet, in den ein Begleitfahrzeug der Karawane, ein Polizeiwagen sowie der Bus der Comandancia der EZLN verwickelt waren, und in dessen Folge ein Polizist sein Leben verlor. Die Karawane musste deshalb eine ungeplante Uebernachtung in Queretano verbringen, und wir waren ohne Anschluss in Acambaro. Spezielle Brisanz hatte diese Situation, da der Gouverneur von Queretano im Vorfeld der Marcha die EZLN des Vaterlandverrats beschimpfte und im Moment des Verlassens des Staatsgebiets von Chiapas die Erschiessung der Comandantes und Comandantas forderte. Wir waren in diesem Moment ziemlich verunsichert und angespannt. Doch die Verantwortlichen fuer die Veranstaltung in Acambaro mit der EZLN von der Organisation der lokalen Sympathisanten der Zapatisten hatten innerhalb zwei Stunden eine Schlafmoeglichkeit in einem erst halbfertiggestellten Hotel organisiert, inklusive offenem Kaminfeuer und vegetarischen Sandwiches.
In anderen Staedten und Gemeinden waren wir zum Teil in Schulen oder Sporthallen untergebracht, oft mussten wir auch unter freiem Himmel oder im Bus schlafen. Als internationale Begleiter der Karawane der EZLN haben wir immer wieder mit den Mexikanern symbolische Sicherheitsguertel fuer die Comandantas und Comandantes gebildet, wenn diese zu den Veranstaltungen an den Reisestationen ihren Bus verliessen.
Ein weiterer Hoehepunkt der Marcha war sicherlich der dreitaegige Aufenthalt in Nurio (Michoacan), wo die Comandancia der EZLN am Dritten Nationalen Indigena-Kongress (CNI) teilgenommen hat. Hier waren 40 der 57 indigenen Volksgruppen Mexikos durch mehrere Tausend Delegierte vertreten. An runden Tischen wurde in demokratischer Weise ueber verschiedenste Themen diskutiert, beispielsweise ueber die Umsetzung der Acuerdos von San Andres, Vorschlaege an die Vermittlungskommission CoCoPa oder die Belange der indigenen Frauen. Wir als internationale Beobachter konnten uns die Diskussionen an den Tischen anhoeren, hatten aber kein Rederecht. Ausserdem konnten wir uns von den Reiseanstrengungen etwas erholen, duschen und etwas ausschlafen. Auf der Abschlusskundgebung des CNI am Sonntag, dem 04. Maerz wurden die Ergebnisse der Beratungen vorgestellt, ausserdem die Wichtigkeit des gemeinsamen Kampfes fuer die Rechte der indigenen Bevoelkerung Mexikos betont und der EZLN die Unterstuetzung in ihrem Kampf fuer indigene Rechte und Kultur zugesichert. Bekraeftigt wurde einmal mehr die Forderung, eine neue Welt zu schaffen, eine Welt, in die viele Welten passen. Mehrere Delegierte des CNI schlossen sich der Karawane der EZLN an. Subcomandante Marcos hielt ebenfalls an diesem letzten Tag in Nurio eine beeindruckende Rede, die ich in der deutschen Uebersetzung im folgenden Abschnitt diesem Bericht angefuegt habe.
Wie in der mexikanischen Zivilgesellschaft - immer wieder versammelten sich Hunderte Menschen entlang der Strasse, um Sprech-Choere zu bilden und Tansparente hochzuhalten - fand diese einzigartige Reise fuer einen gerechten und wuerdevollen Frieden in Chiapas natuerlich auch in den Medien ein grosses Echo. Staendig wurde die Karawane von mindestens zwei Helikoptern der kommerziellen nationalen Fernsehsender "TV Azteca" und "Televisa" begleitet, die in ihrer Berichterstattung traditionell der mexikanischen Regierung nahestehen. Dennoch waren im mexikanischen Fernsehen keine "Live"-Bilder vom sensationellen Einzug der Karawane im Zentrum von Mexiko-City zu sehen. Von diesen Fernsehstationen und auch von Praesident Vicente Fox wurde die Karawane immer wieder als Wille der EZLN fuer den Frieden charakterisert, der mexikanische Innenminister Creel liess in der Presse sogar verlautbaren, die Tolerierung der Marcha durch die Regierung, anstatt eine militaerische Option zu waehlen, zeuge vom guten Willen und der Toleranz der neuen Regierung. Fuer Praesident Fox scheint ein baldiger Friedensvertrag mit der EZLN unerlaesslich fuer seine Reputation innerhalb seiner Partei und als Signal der Stabilisierung fuer potentielle auslaendische Investoren im Zusammenhang mit seinem Entwicklungsplan "Plan-Puebla-Panama" fuer den mexikanischen Sueden.
Dabei scheint Fox aber zu uebersehen, dass er noch immer nicht die drei Forderungen der EZLN komplett erfuellt hat, die diese an ihn gestellt hat, um wieder an der Verhandlungstisch zurueckzukehren. Eine Einladung von Fox an Sucomandante Marcos, ein Vier-Augen-Gespraech im Praesidentenpalast "Los Pinos" zu fuehren, hat Marcos auch deshalb abgelehnt. Solange die drei Forderungen nicht erfüllt seien, gebe es keine Gespräche mit der Regierung, erklärte Marcos. Zudem diene ein solches Zusammentreffen primär der Aufbesserung des Foxschen Ansehens, während gleichzeitig die indigene Bewegung trivialisiert würde. Die EZLN betont deshalb auch immer wieder, dass es in Chiapas zwar um einen Frieden geht, aber einen Frieden mit zwei wichtigen Adjektiven: "gerecht" und "wuerdevoll". Dies steht den Absichten der mexikanischen Regierung und ihrem "Plan-Puebla-Panama" fundamental entgegen, da sich indigene Kultur und Lebensweise nicht auf staatlichen Strassenbau und Infrastrukturmassnahmen, "Maquiladora-Industrie" (typische Industrialisierungsform des mexikanischen Norden an der Grenze zu den USA, in Fabriken werden importierte Einzelteile aus den USA unter Ausnutzung der mexikanischen Billigloehne zusammengesetzt und dann wieder reimportiert) und eingezaeunte Reservationen fuer die "Ureinwohner" beschraenken laesst.
April
Liebe Freundinnen und Freunde,
die Sonne scheint wieder in San Cristobal, nachdem es die letzten beiden Tage so aussah, als wuerde die Regenzeit Einzug halten. Auch die Touristenwelle die sich zur Semana Santa, der Osterwoche eingefunden hatte, ist deutlich abgeflaut. Insgesamt also ein Ambiente, das dazu einlaedt, noch ein Weilchen zu bleiben. Dennoch bleiben mir diesmal nur zweieinhalb Tage hier. Ich stecke jedoch schon wieder in dringensten Reisevorbereitungen und werde morgen in aller Fruehe ein weiteres Mal in Richtung Selva aufbrechen. Doch vorher bekommt ihr noch wie versprochen meinen Bericht ueber meine letzte Tour.
Mit einer Zuschauerin aus der Schweiz bin ich Ende Maerz in eine Gemeinde gefahren, etwa 4 Stunden von San Cristobal entfernt, am Rande der Selva gelegen. Genauer gesagt: frueher war dieses Gebiet reiner Urwald, heute jedoch lassen nur noch kleine Flaechen imposanter Vegetation erahnen, wie es einmal ausgesehen hat. Der Grossteil des Gebietes ist schon seit langer Zeit kultiviert, und dass dieser Prozess weitergeht, konnten wir waehrend der Fahrt und auch von unserer Gemeinde aus gut beobachten: Eindrucksvolle Rauchsaeulen, die in den Himmel aufsteigen und die Luft grau faerben, denn es ist die Zeit, in der die Milpas (die traditionellen Mais- und Bohnenfelder) abgebrannt werden, aber auch die Zeit, in der mittels Brandrodung neue Ackerflaechen angelegt werden. Schon schmerzlich, zuzusehen, wie vor unseren Augen der Regenwald verschwindet und dem Klimawandel Vorschub geleistet wird. Allerdings ist die Notwendigkeit fuer die Kleinbauern, neue Felder anzulegen, wesentlich direkter nachzuvollziehen, als die Notwendigkeit unserer Ueberflussfabriken und des exessiven Verkehrs in unseren Laendern, die ihren Teil dazu beitragen. Das Dorf, das wir besuchten, ist recht jung. Vor 1991 gehoerte dieses Terrain einem "fincero", einem Grossgrundbesitzer, doch im Zuge des Aufstandes verliess dieser sein Gelaende, und vor etwa drei Jahren gruendeten etwa 30 Familien hier eine zapatistische Gemeinde. Inzwischen leben rund 100 Familien hier und die Gemeinde ist das Oberhaupt einesautonomen Municipios. Viele der Menschen, die hier leben, haben vorher unter dem "patron" gelebt und gearbeitet - unter sklavenaehnlichen Bedingungen. Der Arbeitstag begann um 3 Uhr morgens und endete gegen 10 Uhr nachts, sieben Tage die Woche. Der "Lohn" fuer diese Arbeit bestand in 1.50 Pesos (nach aktuellem Umtauschkurs etwa 40 Pfennig), jedoch nicht etwa taeglich, sondern woechentlich! Und nach Gutduenken des Patrons bekamen sie ab und an eine Woche frei, um ihre Milpas (auf seinem Land) zu bearbeiten, so dass sie etwas zum Essen hatten. Auch zu dieser Geschichte liessen sich viele Details hinzufuegen, aber dafuer vertroeste ich euch wieder einmal auf spaeter...
Ein Grossteil dieser Familien hat nach dem Einmarsch des Militärs drei Monate als Fluechtlinge in den Bergen zugebracht, mit nichts als ihrer Kleidung, die sie am Leib trugen. Als sie zurueckkehrten, waren ihre Huetten niedergebrannt und das bischen, was sie besassen gestohlen oder zerstoert. Dass diesen Menschen die Arbeit, die sie jetzt zu verrichten haben, leicht vorkommt, dass sie die Schwierigkeiten der Selbstorganisation und all die Probleme, die sie damit hatten, von Null anzufangen, dass sie die Bedrohung, die es fuer sie bedeutet, eine Gemeinde im Widerstand zu sein, auf sich nehmen, all dass laesst sich vor diesem Hintergrund leichter verstehen.
Inzwischen ist die Situation hier reichlich ruhig. Nach der Gruendung des Dorfes war mehrmals das Militär eingedrungen, seit der Gruendung des Friedenscamps jedoch gab es keinen Zwischenfall mehr, auch wenn die Militärs in dieser Region weiterhin stark praesent ist. Auf unserer vierstuendigen Fahrt haben wir nicht weniger als drei Militärlager sowie zwei Lager der quasimilitärischen PFP (Policia Federal Preventiva) passiert. Das naechte Militärlager liegt zudem nur etwa 15 Minuten entfernt. Auch Paramilitärs waren fuer diese Gemeinde gluecklicherweise nie ein Problem. Und das, obwohl die Provinzhauptstadt Ocosingo bekannt ist als Knotenpunkt und Ausbildungszentrum mehrerer paramilitärischer Gruppen. Manchmal muss mensch sich als BeobachterIn dies vor Augen halten, wenn die Situation so ruhig erscheint, das sich schon die Frage stellt, warum mensch eigentlich da ist.
Insgesamt kann ich zu dieser Gemeinde sagen, dass es noch an Vielem fehlt, dass sie aber schon viel geschafft haben. Nahrung gibt es mittlerweile genug, wenn auch noch recht einseitig. Vorallem fehlt es ihnen an Geld, ihre einzige Einnahmequelle ist bisher, dass sie Schweine und Rinder zuechten, um die dann zu verkaufen. Die ersten Kaffeepflanzen werden fruehestens in einem Jahr Fruechte tragen, damit wuerde sich ein zweites Standbein fuer sie erschliessen. Auch fehlen Medikamente und medizinisches Material, doch immerhin gibt es mehrere "Gesundheitsarbeiter", die das was da ist anzuwenden wissen. Doch wurden wir beispielsweise Zeuge eines Unfalls, bei dem sich ein Campesino eine tiefe Schnittwunde am Bein zuzog. Diese musste genaeht werden, allerdings ohne Betaeubung, denn es gab zwar Medikamente, aber es fehlte eine Nadel fuer die Spritze. Diese Gemeinde hat jedoch das Glueck, relativ viel Hilfe von aussen zu bekommen. So hat waehrend unseres Aufenhalts eine Gruppe aus Mexico-Stadt eine komplette kleine Schusterwerkstadt installiert und bereits zwei Jugendliche aus der Gemeinde soweit ausgebildet, dass sie dort Schuhe herstellen koennen. Diese Gruppe wird diese Werkstatt noch weiter betreuuen, aber das Ziel ist, dass sie in absehbarer Zeit unabhaengig von externer Hilfe funktioniert. Auch einige Veterinaermediziner waren dort, um die Lage zu sondieren, und werden in den naechsten Monaten wohl ein Programm starten, um die Tiere und die Kinder von Parasiten zu befreien. Diese Aufzaehlung mag seltsam klingen, macht jedoch Sinn. Denn Parasitenbefall ist ein schwerwiegendes Problem in dieser Gemeinde und viele Kinder sterben daran.
Aber auch das andere Gesicht gutgemeinter Hilfe konnten wir sehen: Eine Horde von Grossstadtmenschen, die ohne viel Vorwissen in die Gemeinschaft einfaellt und unwissentlich Regeln der Gemeinschaft durchbricht oder karitative Kleiderspenden, die mit einem gewissen Paternalismus verteilt werden. Es sind viele Fragen, die sich mir aufgetan haben, einige Einblicke und Erkenntnisse, die ich gewonnen habe. Doch heute schon, nach diesen zweieinhalb Aufenthalten in den Gemeinden, sind dies Erfahrungen, die ich nicht missen moechte. Mal sehen, was da noch kommt...
Gut, meine geehrte Leserschaft, bevor ich hier pathetisch werde, schliesse ich lieber diesen Text ab und gehe meine Sachen packen.
September
Hallo, nun also der Bericht zur Lage:
In der Gemeinde, wo ich zusammen mit einem US-Amerikaner war, ist die Lage dem ersten Augenschein nach sehr ruhig. Die Gemeinde wurde 1997 gegruendet, wie viele andere, waehrend des ersten marsches der Zapatisten nach Mexico Stadt - auf dem ehemaligen Land von 1994 geflohenen Grossgrundbesitzern. (Hab mir das Ex-Haus desjenigen angeschaut, ist schoen zerfallen) Vorher arbeiteten sie fuer selbigen fuer, wie man sich denken kann, wenig Geld. Seit dem wurde eine Strasse von den Streitkraeften durch das Tal gebaut, welche mitten durch die Gemeinde verlaeft. Der Sinn erschliesst sich schnell aus den fast taeglichen Patrouillien, die das dorf passieren, jedoch nicht anhalten. Des Hoerensagens habe ich vernommen, das sie manchmal anhalten, um an die Kinder Suessigkeiten zu verteilen, was die Gemeinde den Kindern aber untersagt, anzunehmen.
Dass weiter nichts passiert, liegt wohl an der dort errichteten Station fuer die Menschenrechtsbeobachter, da es vormals auch zu anderen Zwischenfaellen, Stopps, Belaestigungen gekommen ist (wie man mir sagte). So beschraenkte sich also unsere Arbeit auf das Zaehlen der patrouillierenden Fahrzeuge und der Anzahl der bewaffneten Personen darin, mit Uhrzeit, Datum und Richtung. Eine weitere (positivere) Funktion der Strasse ist, dass sie auch das Leben der Menschen erleichtert, da viele Dinge jetzt bedeutend einfacher zu bekommen, transportieren sind und auch Kommunikation unter den Gemeinden einfacher geworden ist. Mittlerweile ist die Problemlage des Dorfes von der unmittelbaren Bedrohung zu einer eher schleichenden gewandert. Die zapatistische Vorstellung des unabhaenigen und selbstbestimmten Lebens jenseits der Abhaengigmachung und Fremdbestimmung des Staates erfordert eben eine Funktion dieses Lebens. U.a. laufen deshalb in der Gemeinde Projekte zur eigenstaendigen (Grund-)Schule, mit Lehrern aus dem Dorf, in der jeweiligen Indígenasprache (Tzeltal oder Tzotzil), als auch einem Projekt eines gemeindeeigenen Gemuesegartens, um die Ernaehrungsgrundlage aufzubessern, da die ueblichen Nahrungsmittel nur Tortillas (aus Mais) und Bohnen sind, die weder genuegend Vitamine noch Proteine enthalten. Ein weiteres Problem haengt mit der Ernaehrung zusammen, es ist u.a. der schlechte Preis, den sie vom Staat fuer ihren Mais bekommen und die Not, z.B. Eier und Fleisch meist zu verkaufen, anstatt selbst zu verzehren. Auch kann eine schlechte Ernte ganz schnell in oekonomische Notlagen fuehren, bzw. Hunger, und das in die offenen Arme der staatlichen Hilfe, die natuerlich an Bedingungen geknuepft ist. Ein weiteres Problem ist die Gesundheitsversorgung. Ein Wagen von Aerzte ohne Grenzen kommt 3 x im Monat vorbei, das Rote Kreuz versucht Kurse fuer Dorfverantwortliche fuer Medizin zu geben. Insgesammt tut ein Projekt zur Erhaltung des Wissens ueber traditionelle Naturheilmittel in den Gemeinden Not, da die Einfachheit, der von den Aerzten ohne Grenzen verteilten Mittelchen, diese vergessen laesst. Fuer groessere gesundheitliche Probleme muss weit gefahren, bzw. bezahlt werden, was sie nicht koennen.
All diese Probleme der unabhaenigen und selbststaendigen Entwicklung werden von den zapatistischen Gemeinden nicht vereinzelt, sondern gemeinsam koordiniert angegangen, auch mit der Hilfe von nicht dort ansaessigen Freiwilligen, die nicht NGO- abhaenig sind, und ausschliesslich auf Beschluss, Einverstaendnis der Gemeinden dies oder jenes tun (und nicht mit Missionarsdrang davon ausgehen, dass das, was sie tun schon gebraucht wird, und deshalb ohne zu fragen; wie so manche NGO) und nur so konstruiert, dass sie sich nach gewisser Zeit ueberfluessig machen, also Hilfe zur Selbsthilfe, "nachhaltig" bzw. "von unten"! Insgesammt machte die Gemeinde einen verdammt gut organisierten Charakter, d.h. gut organisiert auch ueber die Gemeinde hinaus, in lokalen Gemeindeverbaenden und regionalen Versammlungszentren (von letzteren bekam ich allerdings nichts mit). In allen aufgezaelten Problemen, muss man sagen, ist verdammt viel Fortschritt geschehen, der ohne die zapatistische Bewegung, ohne die Landbesetzung und die selbstaendige Organisation nicht moeglich gewesen waere. Bis zum naechsten Bericht...
Dezember
Hallo liebe Freunde,
vom 06. bis zum 21.12.2000 war ich also bei meinem ersten Einsatz als Menschenrechtsbeobachter hier in Chiapas. Mein Friedenscamp befand sich in der Naehe der Stadt Ocosingo, die ca. 2 Stunden sued-oestlich von San Christobal liegt. Die Gemeinde gehoert zum autonomen Landkreis "Erster Januar" (Stichtag des bewaffneten Aufstand der Zapatistas 1994).
Im Fruehling 1994 haben hier ca. 800 Maenner, Frauen und Kinder in einem grossen Demonstrationszug mit der mexikanischen Flagge vorweg eine grosse Ranch mit einigem Weideland eines Grossgrundbesitzers gewaltfrei besetzt. Dieser Ranchero stammt wohl aus der Schweiz und hatte zu dieser Zeit bei der Provinzregierung von Chiapas einen Beratervertrag als Agrar-Ingenieur. Seither wurden die ehemaligen Ranchgebaeude (Wohnhaus, Stallungen fuer ca. 1.000 Stueck Vieh, Lagerhallen) zu gemeinsamer Nutzungsflaeche umfunktioniert. Es gibt heute ein kleines Geschaeft, Raeumlichkeiten fuer Versammlungen und Messen, ein medizinisches Behandlungszimmer mit Apotheke, die Unterkunft fuer die Menschenrechtsbeobachter, Lagerraeume fuer Kaffee und eine revolutionaere zapatistische Schule mit mehreren Klassenraeumen. Hier werden nicht nur Kinder in Mathematik, Spanisch lesen und schreiben, Geschichte und Politik (beispielsweise Botschaften von Subkommandante Marcos von der EZLN als Unterrichtsthema) und Ackerbau unterrichtet, sondern auch Alphabetisierungskurse fuer Erwachsene durchgefuehrt.
Die Arbeit auf den Mais- und Kaffeefeldern wird gemeinsam geplant und durchgefuehrt. Zusatzlich muessen die Maenner durch Gelegenheitsjobs als Erntehilfen und Hilfsarbeiter beim Haeuser- und Strassenbau das Geld verdienen, mit dem alle Sachen finanziert werden, die Gemeinschaft nicht selbst herstellen kann (Kleidung, Reis, Bohnen, sonstiges). Ab und an koennen sie etwas Kaffee verkaufen, allerdings zum Witzpreis von ca. 1,50 DM pro Kilo!
Nach der Besetzung rueckte die Armee mehrmals an, um die Leute einzuschuechtern. Seit dem Massaker von Acteal 1997 haben die Besetzer einen Wachposten eingerichtet, der Tag und Nacht die Hauptverbindungsstrasse zwischen Ocosingo und der bekannten Ruinen-Stadt Palenque auf Armee- und Polizei-Aktivitaeten beobachtet. Bis heute koennen sich die Leute nicht sicher sein, theoretisch kann jeden Tag Polizei oder Armee anruecken, um die Besetzung aufzuloesen. Unsere Aufgabe bestand darin, die Strasse mit zu beobachten und Bewegungen von Polizei und Armee schriftlich in einem Report klassifiziert nach Groesse und Typen der Fahrzeuge festzuhalten. Da wir im Wachposten von der Strasse aus gut sichtbar waren, hatten wir durch unsere Herkunft gleichzeitig eine gewisse Schutzfunktion fuer die Gemeinde, die sich selbst als Unterstuetzungsbasis der Zapatistas bezeichnet.
In der Zeit meines Aufenthalts in der Gemeinde gab es keinerlei Zwischenfaelle oder gewaltsame Konflikte irgendeiner Art. Mit meinen beiden Begleitern (Deutschland und USA) habe ich dort eine gute Zeit mit vielen Basics verbracht: Holzfeuer machen zum Kochen, Reis und Bohnen, Tortillas, bisschen Pasta und ab und zu Kartoffeln zum Essen, Schlafen in Haengematten und Waschen im nahen und manchmal recht kalten Bach. Habe eine kleine Magenverstimmung davongetragen und viel Rauch in den Augen gehabt, bin aber sonst wohl auf.
Die derzeitige politische Entwicklung hier in Mexico bzw. Chiapas ist sehr spannend und sieht fuer die Sache der Zapatistas nicht schlecht aus: Der neue Praesident Vicente Fox (seit dem 01.12. im Amt) hat die schon alten Forderungen der Initiative fuer indigene Rechte (seit 1996) als Gesetzesvorschlag zur Beratung ins Parlament eingebracht. Die EZLN hat auf einer internationalen Pressekonferenz am 02.12. in der autonomen Gemeinde "La Realidad" eine Bilanz der Regierungszeit des alten Praesidenten Ernesto Zedillo gezogen. Subkommandante Marcos hat sich zum ersten Mal seit 5 Monaten wieder zu Wort gemeldet und gleichzeitig neue Schritte angekundigt: Er will mit 23 weiteren Kommandanten der Zapatistas im Februar maskiert nach Mexico-City kommen. Dort wollen sie den Unions-Kongress der Initiative fuer indigene Rechte besuchen, ihre Position verteidigen und den Dialog mit der neuen Regierung aufnehmen.
Dazu hat die EZLN drei Bedingungen aufgestellt, die bis zum Februar 2001 von der Seite der Regierung vollstaendig erfuellt sein muessen:
1. Die vollstaendige Umsetzung der Vereinbarungen von San Andres von 1996 ueber indigene Rechte, die die bisherige Regierung verweigerte.
2. Freilassung aller politischen Gefangenen, die mit der EZLN sympathisieren. (ca. 100 Personen)
3. Rueckzug des Militärs aus sieben Stuetzpunkten, die sehr nahe an den von den Zapatistas kontrollierten Gebieten liegen.Nach Einschaetzung von Beobachtern hier, sind diese Forderungen fuer Fox leicht umzusetzen. Tatsaechlich hat dieser bei seinem Amtsantritt angekuendigt, Truppen aus Chiapas abziehen zu wollen und eben die entsprechenden Gesetzeseingaben im Parlament gemacht. Es werden zwar einige Kontrollpunkte des Militärs aufgeloest, verlaessliche Informationen, wieweitgehend diese Aufloesungen sind, gibt es aber zur Zeit nicht wirklich.
Der ebenfalls neue Gouverneuer von Chiapas, Pablo Salazar, der sein Amt am 08.12. angetreten hat und auch erstmals nicht von der grossen Staatspartei "PRI" gestellt wird, hat angekuendigt, diese Forderungen der EZLN seien erreichbar. Er will mit seiner Regierungsmannschaft eine juristische Loesung fuer eine Amnestie der politischen Gefangenen erarbeiten. Zudem will auch er die militaerische Dichte in Chiapas verringern.
Insgesamt stehen die Zeichen im Moment sehr gut fuer EZLN und Zapatistas und ihre Forderungen nach Freiheit, Friede, Land und Wuerde fuer die indigene Bevoelkerung von Chiapas. Es wird sich bis Februar erweisen, inwieweit die Worte und Taten der neuen Regierungen uebereinstimmen und ob die Fuehrung der EZLN Mexico-City besuchen wird, was einer Art Triumph-Zug gleichkaeme.
Mit diesen doch recht positiven Aussichten schicke ich Euch allen recht herzliche Gruesse aus dem ziemlich kalten San Christobal de las Casas, wuensche frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr.
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