Berichte

 

Exemplarisch veröffentlichen wir auf dieser Seite einige Berichte von internationalen Zeugenbegleitern und -Begleiterinnen, die von CAREA e.V. auf ihre Aufgabe vorbereitet wurden. Die Berichte vermitteln einen ersten Eindruck von den Lebensverhältnissen der Menschen und spiegeln die Erfahrungen der BegleiterInnen mit der dort vorgefundenen Situation wider.

Kaffee-Ernte

August 2006
Februar 2007
Februar/März 2007

August 2006

Hallo lieber Unterstützerkreis!

Hier schicke ich euch meinen ersten tatsächlichen Arbeitsbericht über den letzten Monat.

Noch einmal genauer zur Arbeit von CAIG. Diese ist aufgeteilt in kurzfristige (Corto Plazo) und langfristige (Largo Plazo) Missionen. Die langfristigen Plätze sind diejenigen in den Gemeinden der AJR, diese werden jetzt nun schon seit ca. 6 Jahren betreut. Die Begleiter wohnen in den Gemeinden und besuchen die Zeugen, die teilweise mehrere Stunden voneinander entfernt wohnen. Die kurzfristigen Missionen sind Begleitungen von Aktionen oder Organisationen, z.B. Exhumierungen, Konsultationen, Infoveranstaltungen u.s.w.. Die Begleiter wohnen, wenn sie nicht grade unterwegs sind, im CAIG-Haus in Guatemala-Stadt.

Auf Grund der Aufregung wegen der Haftbefehle wurden allerdings in meinem ersten Monat ungewöhnlich viele neue Begleiter aufgenommen (Anm.: Am 7. Juli 2006 waren internationale Haftbefehle u.a. gegen die ehemaligen Diktatoren E. Ríos Montt, O. H. Mejía Victores und F. R. Lucas García erlassen worden). Die konkreten Aufträge blieben aber aus, weshalb wir nun einige Corto Plazo Missionen begleiten, und teilweise Largo Plazo Begleiter ersetzen. Der Vorteil davon ist, dass ich so die verschiedensten Gegenden und Szenarien Guatemalas kennenlerne.
Meinen ersten Monat verbrachte ich in V., einem kleinen Dorf in der Nähe zu Mexiko, gelegen in der Region Ixcán (sprich: Ieschkahn), in welcher die Gewalttaten während des Bürgerkriegs und die Aktivitäten der Guerilla besonders stark waren. Ixcán hat eine kurze, aber sehr ereignisreiche Geschichte. Vorher unbewohnter Dschungel, wurde es ab 1966 aus einer Initiative und dank der Finanzierung und Organisation des us-amerikanischen, katholischen Missionsordens Maryknoll mit Indígenas verschiedener Ethnien besiedelt. So konnten die überwiegend aus dem Hochland stammenden Indígenas zwar in brütender Hitze, aber wenigstens ihr eigenes Stück Land (Parcela) bearbeiten, anstatt die Hälfte des Jahres unter unmenschlichen Bedingungen auf den Kaffee- und Zuckerplantagen der Pazifikküste zu arbeiten.
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Februar bis März 1982 begann das Militär schließlich die Verbrannte-Erde-Taktik und verübte an aufeinanderfolgenden Sonntagen, an denen sich die Menschen im Zentrum versammelten, Massaker in mehreren Dörfern in Ixcán. V. wurde am XX.März dem Erdboden gleichgemacht, es starben (nach offiziellen Daten) 324 Menschen. Einige wurden rechtzeitig gewarnt und flohen in den Dschungel, wo sie unter Moskitos, Taranteln, Skorpionen, Krankheiten und Hunger litten. 35 Familien lebten dort, organisiert in den sogenannten Widerstandsgemeinden (Comunidades de Población en Resistencia - CPR), über 10 Jahre, die meisten flohen jedoch nach Mexiko. In dem Dorf selber blieben nur die Soldaten. 1993 kehrten die ersten Flüchtlinge aus Mexiko wieder zu ihrer eigenen Parcela zurück.

Heutzutage ist V., wie die meisten ruralen Landstriche in Guatemala, von Armut, schlechter Infrastruktur und extrem hoher Abwanderung geprägt. ... In Sachen Infrastruktur ist V. stark von der Kommunikationsgesellschaft abgeschnitten: weder Handy- noch Fernsehempfang, schlechte bzw. kaum vorhandene Straßen und kaum Brücken für die zahlreichen Flüsse, weshalb das nächste Dorf mit Arzt, weiterführender Schule, Internet und Tageszeitungen eine 4-stündige Reise entfernt ist. Die Verbindung zur Außenwelt findet vor allem über die Satellitentelefone und über die Menschen statt, die ab und zu ins nächste Dorf reisen (wir Begleiter dienen in diesem Sinne auch einer solchen).
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Die einzige Hilfestellung der Regierung sind die einfachen Zementhäuser (keine Häuser im europäischen Sinne, gemeint sind eher 4 Wände und ein Wellblechdach), die den Opfern des Bürgerkrieges finanziert werden. Die Migration ist besonders hoch in V.: von den durchschnittlich 8 Kindern sind durchschnittlich 4 in Mexiko oder den USA, es gibt im ganzen Dorf kaum junge Männer.
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Wie so viele Dörfer ist auch V. in 2 Lager gespalten: Ex-Guerilla und Ex-PAC leben auf engstem Raum zusammen. Die Ex-PAC gründeten 1998 das "Comité de Amistad con el Ejército"(Komiteé der Freundschaft mit dem Militär), welches der 1997 gegründeten Menschenrechtsorganisation ADDHAI gegenübersteht.
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Gleich am 2. Tag nach unserer Ankunft fand eine "Konferenz für Frauen: Erinnerung, Wahrheit, Gerechtigkeit" statt, an der von den Massakern betroffene Frauen aus mehreren Dörfern in Ixcán teilnahmen, organisiert von einer nichtstaatlichen Organisation. ... Wir besuchten die Orte der Massaker, den Friedhof, auf dem in einem Pantheon die Überreste der Menschen aufbewahrt wurden, die bei dem Massaker umgekommen sind und bei den Exhumierungen in den späten 90ern ausgegraben wurden, und das Monument des Massakers, welches ebenfalls in den 90ern errichtet wurde und von Ex-PAC nach seiner Errichtung teilweise demoliert wurde. Im Laufe des Tages erzählten die Frauen, teilweise nur in ihrer eigenen Sprache, da sie kein Spanisch sprechen, ihre Geschichten: wie sie durch Kugelhagel flohen; ihre Familien zurücklassen mussten; sahen, wie rechts und links neben ihnen Menschen starben; Hunger; Todesangst und Verzweiflung litten... immer wieder brachen sie in Tränen aus, immer wieder wiederholten sie, dass das keine Lüge ist. Es war ein unglaublich bewegender Tag und meine Lippe war am Ende des Tages vollkommen zerbissen, was mich davon abhielt, nicht selber anzufangen zu weinen. Es zeigte, wie frisch und wie wenig verarbeitet noch immer die Wunden des Krieges und der Verlust der Familienmitglieder sind, wahrscheinlich auch gerade weil diese Verluste und Erfahrungen von der Gesellschaft nicht anerkannt, entschuldigt oder entschädigt werden. Für die Opfer ist es, wie mir hier auffällt, noch zusätzlich schmerzhaft, wenn sie für die Anerkennung ihres Leides auch noch kämpfen müssen und sich gegen Anschuldigen wehren müssen. Vor allem die Tatsache, dass sie noch immer mit den Mördern ihrer Familienangehörigen, die sich ihres Wohlstands erfreuen und keine Verantwortung auf sich nehmen, in einem Dorf wohnen müssen und sich sonntags in der Kirche zu treffen, ist auch wegen der immer noch tief verwurzelten Angst vor weiteren Attacken ein schwerwiegender Stressfaktor. Ich verstand nun besser, warum die Männer des Dorfes, die entweder Guerilleros oder PAC waren, sich hier jeden Sonntag hoffnungslos betrinken.

Wie tief diese Angst noch sitzt und wie unsensibel die Regierung und das Militär mit dieser umgehen, zeigt ein Zwischenfall von vor einigen Wochen: in einem Dorf in der Nähe von V. landeten Helikopter mit Militärschwadronen und diese drangen in eine Schule ein, weil sich in dieser angeblich Waffen und Munition der Drogenmafia befanden. Die Dorfbewohner flohen aus Angst vor einem erneuten Massaker in den Dschungel; ebenso in anderen Gebieten des Ixcán, wo die kreisenden Helikopter unwillkürlich mit den Ereignissen des Bürgerkrieges assoziiert werden.
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Obwohl es keine konkreten aufregenden Ereignisse gab, war es für mich eine sehr aufregende Zeit. Wahrscheinlich weil es für mich auch der erste persönliche Kontakt zu den Menschen war, über deren Geschichten ich zwar schon sehr viel gelesen hatte, die aber so grausam sind, dass ich sie erst wirklich glauben konnte, als ich sie zum ersten Mal aus dem Munde einer Zeugin hörte. Und noch immer fällt es mir schwer zu glauben, dass diese fröhliche und energische Frau ihre Kinder sterben sah, dass dieser freundlich lächelnde Mann sich die 4 Tage des Massakers unter einem Baumstamm verstecken musste, wo ihm Feuerameisen das Gesicht zerbissen und wo er roch, wie die Frauen und Kinder seines Dorfes verbrannt wurden. Das, was schwer zu glauben ist, ist vielleicht, dass diese Menschen trotz alldem immer noch leben können.
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Februar 2007

Kaffee-Ernte in XoyepNach langer Zeit mal wieder eine Nachricht von mir. Zuerst einmal:
Mir geht es gut, die Arbeit ist recht anstrengend und morgen geht es wieder los. Ich werde dann erst Ende März wieder von mir hören lassen. ... Meine Arbeit besteht darin, in mehrere indigene Dörfer zu fahren und dort die Familien der ZeugInnen und deren UnterstützerInnen zu besuchen oder aber auch diese zu wichtigen Versammlungen zu begleiten. Als BegleiterInnen sind wir aus Sicherheitsgründen immer zu zweit unterwegs. Wir essen 3 mal am Tag mit den Familien, schlafen in deren Häusern, arbeiten manchmal ein bisschen mit (Maiskörner vom Maiskolben entfernen, Kaffee pflücken, Bohnen aus ihren Schalen holen, sogar auf einem Feld habe ich Löcher gegraben, aber nur für 15 Minuten) oder unterhalten die meist sehr zahlreichen Kinder (Origami steht ganz hoch im Kurs, ist aber auch das einzige was ich anbiete). Nach einem Monat Aufenthalt in den Dörfern kommen wir dann zu einer Besprechung wieder in die Hauptstadt und fahren kurz darauf wieder in unsere Dörfer. Ich werde das bis Mitte Mai machen und glaube jetzt schon, dass mir der Abschied sehr schwer fallen wird, obwohl die Arbeit sehr anstrengend ist. In den ersten 2 Wochen musste ich mir die Wege zu den Häusern und die Gesichter der Personen von 80 Familien merken. Aber das geht, bisher habe ich mich noch nicht großartig verlaufen. Die Wege sind manchmal ganz schön weit, ab und zu müssen diese dann auch mit dem ganzen Gepäck zurückgelegt werden.
Die Familien, die wir besuchen, sind meist sehr herzlich und es kommen oft lange Gespräche zustande, auch über die schlimmen Ereignisse des Krieges. Fast alle haben Mitglieder ihrer Familien verloren oder wurden selbst gefoltert oder haben monatelang ohne Nahrung und Kleidung und Dach über dem Kopf in den Bergen überlebt.
Ansonsten sind wir in den Dörfern die einzigen AusländerInnen und es gibt immer wieder mal Gerüchte das wir Kinder stehlen würden oder Menschen fressen oder Köpfe abschneiden. Viele Kinder verstecken sich auch vor uns
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So, ich werde diesen Bericht nun beenden und meinen Rucksack packen. Mitte März werde ich mich dann wieder melden.
Meine Fotos sind diesmal nicht so sehr aussagekräftig. Zum einen werde ich so oder so aus Sicherheitsgründen keine Fotos von Menschen die ich besuche veröffentlichen und auch nicht von deren Häusern. Zum Anderen bin ich hier nicht als Fotografin unterwegs und will auch nicht als solche von den Menschen verstanden werden. Ich werde sicher noch Fotos machen, aber wohl erst in meinem letzten Monat.

Von mir nun viele liebe Grüße. D.

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Februar/März 2007

25.02.2007

Liebe Freunde! Meine erste Arbeitswoche liegt hinter mir!
Erst mal muss ich Euch jetzt was zur Geschichte des Dorfes P. erzählen. Ich hab ja schon geschrieben, dass während des Bürgerkrieges männliche Indígenas zwangsrekrutiert wurden, zur PAC, um gegen die Guerilla zu kämpfen. Das Verbrechen der Männer von P. bestand darin, den Dienst zu verweigern. Das Dorf wurde daraufhin beschuldigt, kommunistisch zu sein und mit der Guerilla zusammenzuarbeiten. In Wirklichkeit gehörten sie einer fortschrittlichen katholischen Bewegung an, die für Gleichberechtigung und Gerechtigkeit kämpfte. Nach einer Zeit der Drohungen und Repressionen wurde ein Exempel statuiert: Am **.**.82 wurde das Dorf von Militär und PAC umzingelt. Der Kommandant befahl, so viele Leute wie möglich in ein Haus zu sperren. Das Haus wurde mit Granaten beschossen und dann angezündet. Keiner überlebte. Inzwischen wurde draußen gefoltert, vergewaltigt, gemordet. Das Militär wollte Informationen über die Guerilla. Am Abend waren 268 Menschen tot. Wem es nicht gelang, z.T. schwer verletzt in die Berge zu fliehen, der wurde am nächsten Tag gezwungen, die Toten in einem Massengrab zu bestatten. Häuser, Tiere, Ernten wurden vernichtet, und den Überlebenden wurde verboten, in das Dorf zurückzukehren. 1984 verkündete die Regierung eine Amnestie. Stellt Euch vor: eine Amnestie für die Opfer! Erst 2004 hat der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte den Staat Guatemala für das Verbrechen verurteilt. So viel Belehrung für heute.
Nun zu den Menschen. Sie sind auf eine zurückhaltende Art sehr freundlich und liebenswürdig. Sie leben sehr einfach, für unsere Begriffe ärmlich, aber sie hungern offensichtlich nicht. Sie arbeiten unablässig, du siehst kaum jemanden untätig (Frauen schon gar nicht). Wenn wir bei einer Familie sind, nehmen wir auch ein paar Maiskolben in Arbeit, um nicht blöd rumzusitzen, während alle beschäftigt sind. ... Die meisten Leute sind froh über unsere Anwesenheit, aber es gibt auch einige, die sich gestört fühlen oder gar Angst vor uns haben. Als wir bei einer Familie waren, kamen Kinder vorbei, die auf Achi (indigene Sprache) fragten, ob wir diese Leute seien, die kleine Kinder fressen. Das wurde uns übersetzt, und wir versicherten leidenschaftlich, dass wir das nie und nimmer täten. Auch würden wir den Mädchen niemals die Haare abschneiden - auch diesen Ruf haben wir.
Tja, und wie geht’s denn mir? Sehr unterschiedlich, große Stimmungsschwankungen. Ich hasse dieses Bergsteigen, ich war manchmal so erschöpft, dass ich am liebsten umgefallen und krepiert wäre. In dieser Woche bin ich zweimal sehr hart an meine körperlichen und psychischen Grenzen gestoßen. Wenn ich es aber dann geschafft habe bis zu einem Anwesen, dort als neue Begleiterin vorgestellt werde und die Leute mir herzlich und aufrichtig dafür danken, dass ich gekommen bin, sieht die Welt wieder anders aus. Nein, sagte eine alte Frau, wir haben keine Angst, denn ihr seid ja bei uns.

04.03.2007

Es war nicht so schlimm wie am Dienstag zuvor: Wir haben uns nicht, wie in der Vorwoche, dauernd verirrt. Und wenn man sich da oben verirrt, dann entweder steil bergan oder steil bergab. N. hat keinen guten Orientierungssinn - ich auch nicht: Da haben sich die Richtigen getroffen!
Die Krise kam dann aber am Mittwoch. Da war ich so weit, den Job zu schmeißen.
Der Bedarf an Begleitung in der Gegend ist groß, was ja auch schön ist, denn es zeigt, dass man unsere Anwesenheit schätzt und für sinnvoll erachtet. Die neuen "Fälle" liegen im Arbeitsgebiet von C. und O., und diese beiden sind wirklich ziemlich ausgelastet. Also beschlossen unsere Koordinatoren in der Hauptstadt, dass N. und ich einen Teil des Dorfes X. übernehmen sollten
Brav marschierten wir los, einen langen und sehr schwierigen Weg.
So, und das mach ich nicht noch mal! Ich war während der letzten Wegstunde so erschöpft, dass ich kaum noch Kontrolle über meinen Körper hatte, die Wege nur noch entlangtaumelte, des öfteren ausrutschte, hinfiel, und mit dem Gepäck auf dem Rücken kaum wieder hochkam. Brütende Hitze, rechter Hand meist ein Steilhang, den man wirklich nicht runterrutschen sollte. N., ein echt amerikanisches Mädchen, versuchte, mich auf echt amerikanische Art zu unterstützen. Sie versicherte mir ständig: You CAN do it, und wenn ich einen besonders schwierigen Abschnitt bewältigt hatte: You DID it!!!! Ich war versucht zu sagen: Halt doch bitte endlich die Klappe! Aber das hätte möglicherweise eine interkulturelle Diskussion ausgelöst, der ich in meinem Zustand nicht gewachsen war. Und schließlich meinte sie es gut.
Als wir endlich zu Hause in R. waren, gab ich meinen Beschluss bekannt: Das ist, sagte ich, zu viel für ne alte Frau, ich schaff das nicht. Ich werde unsere Koordinatoren bitten, einen Ersatz für mich zu finden und werde dann den Dienst quittieren. Die Reaktion meiner Teamkollegen hat meinen Entschluss aber wieder ins Wanken gebracht. Sie wollen wirklich, dass ich bleibe. O. und C. erklärten sich sofort bereit, das ganze Dorf X zu übernehmen, so dass ich nie wieder diesen schweren Weg gehen muss. Nur, bitte, Renate, bleib bei uns! Natürlich bin ich total überwältigt und mache erst mal weiter.
Mal sehen, ob ich jetzt noch genug Durchhaltevermögen habe, um Euch zu schildern, wie wir da oben leben. Wir haben ein Quartier in der Gesundheitsstation von P. mit zwei unbequemen Pritschen. Das ist Luxus, verglichen mit vielen anderen Teams, die bei den Familien übernachten und ständig ihr Gepäck mit sich schleppen müssen. ... In der Gesundheitsstation haben wir sogar ein Klo und einen Wasseranschluss. Allerdings pflegt das Wasser mit konstanter Bosheit nur dann zu fließen, wenn wir nicht zu Hause sind. Also waschen wir uns auch nicht. Elektrizität haben wir nicht. Tagsüber ist es sehr heiß, nachts kann es so kalt werden, dass wir mit den Zähnen klappern.
Von dieser "Bodenstation" aus besuchen wir Familien. Es ist manchmal ärgerlich, wenn wir "den Hof mit Müh und Not" erreicht haben und nur ein paar Kinder zu Hause sind. Meist ist aber zumindest die Frau zu Hause. Wir bleiben dann ungefähr ne Stunde und plaudern. Mehr nicht, die Frauen sind im allgemeinen nicht politisch engagiert oder interessiert. Wir plaudern über Kinder, Krankheiten, Tiere, die Ernte. Wenn’s hochkommt, können wir ein bisschen über Verhütung aufklären. Die Frauen hier bekommen 8 bis 12 (meist bildhübsche, wohlerzogene, freundliche) Kinder, und das ist den meisten eigentlich echt zu viel. Aber irgendwelche Leute - ich vermute doch mal: von der Kirche - haben ihnen eingeredet, dass Verhütungsversuche die schlimmsten Folgen haben. N. kann bei Bedarf einen tollen Aufklärungsunterricht halten. Sie ist jung, sie verhütet selbst, so lauschen ihr die jungen Frauen sehr interessiert.
Wenn der Herr des Hauses anwesend ist, werden die Gespräche politisch und z.T. sehr interessant. Aber dann ziehen sich die Frauen leider leider zurück, wie es sich hier offenbar gehört. ...

11.03.2007

Morgens, wenn wir hier in R. vor der Tür sitzen und Kaffee trinken, kommt oft ein alter Mann vorbei und gibt uns immer dieselbe pantomimische Vorstellung. Jedes Mal verstehe ich mehr Einzelheiten. Er führt uns vor, wie sie auf den Zuckerrohrplantagen arbeiteten und geschlagen wurden, wie sie während des Krieges in die Berge flüchteten, hungerten und froren, wie sie gefoltert und ermordet wurden. Nach jeder Szene zeigt er mit anklagenden und angstvollen Gesten auf die nahen Berge, als lauere dort immer noch das Böse. Er macht das sehr gekonnt, sehr eindrucksvoll. Danach nickt er uns zu und geht weiter. Spanisch versteht er offensichtlich nicht, vielleicht spricht er Achi, vielleicht spricht er auch gar nicht mehr. Wir können nicht mehr tun, als ihm respektvoll zuzuschauen.
Er könnte so alt sein wie ich. 1996 war der Friedensschluss, da war er dann 60 Jahre alt. Davor 36 Jahre lang Bürgerkrieg: sein ganzes Erwachsenenleben, war von diesem Krieg geprägt. Nun ist er alt und kaputt, und diese Pantomime ist die Quintessenz seines Lebens. ... Wir, N. und ich, besuchen wöchentlich 21 Familien und eine Familie alle zwei Wochen. Mittags und abends essen wir bei den Familien. Wir bringen ihnen dann ein Pfund Reis, ein Pfund Bohnen und ein Pfund irgendwelches Gemüse mit, hier im Städtchen gekauft. Was wir zu essen kriegen? Tortillas (natürlich!) mit Bohnen oder Tortillas mit Ei. ... Die Indígenas sind keine Vegetarier, aber Fleisch gibt es nur zu Festlichkeiten, wie z.B. letzte Woche, als Don V. zu einem Gedenkfest für die Seelen der Verstorbenen einlud. Da mussten ne Menge Hühnerseelen und eine Schweineseele ab ins Jenseits.

Alle sind sehr fromm, Religion spielt hier eine große Rolle, sowohl die christliche als auch die (damit verwobene) eigene. Unsere Zeugen sind ausnahmslos katholisch. Die Evangelischen stehen nicht zur Verfügung, denn wie spricht der HERR? Mein ist die Rache, spricht er. Das kommt einem natürlich auf den ersten Blick sehr edel vor. Aber wenn man sich dann fragt, wem diese Haltung nützt, kommt der Verdacht hoch, dass hier ganz massiv manipuliert wird. Es gibt nämlich sehr viele Leute, die lieber die Rache des HERRN abwarten wollen, als hier im irdischen Jammertal für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen zu werden.
Wie man als Einzelperson sehr elegant diese Spaltungen umgehen kann, zeigt das Beispiel der süßen Doña O. Sie ist eine kleine, ganz verschrumpelte, aber hellwache, energische und sehr humorvolle 80-jährige. Als brave Evangelische steht sie als Zeugin nicht zur Verfügung. Da sie aber im Grunde ihres Herzens sehr wohl möchte, dass die Schuldigen vor den Richter kommen, hat sie sich unserer Bewegung als apoyante de comer, Essensunterstützerin, zur Verfügung gestellt. Sie kocht für uns und wir besuchen auch sie wöchentlich, was sie sehr schätzt. Selbst gehört sie einer Bewegung an, die für die Exhumierung der Toten in den immer noch zahlreichen Massengräbern kämpft. In ihrer Familie gibt es, wie in den meisten hier, einige Vermisste, deren Gebeine sie christlich beerdigen möchte, bevor sie selbst abtritt. Und darüber hinaus bringt natürlich ihr Engagement in dieser Bewegung Verbrechen - im Wortsinne - ans Licht.

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CAREA e.V. - Menschenrechtsbeobachtung in Chiapas/Mexiko und Zeugenbegleitung in Guatemala